{"id":141,"date":"2007-12-04T10:54:31","date_gmt":"2007-12-04T08:54:31","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=141"},"modified":"2009-10-04T10:59:33","modified_gmt":"2009-10-04T08:59:33","slug":"sag-gna","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/augeweb.de\/?p=141","title":{"rendered":"Sag gna!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leipzigs Comic-Urgestein Schwarwel und der lange Weg zum Schweinevogel-Film<\/strong><\/p>\n<p><em>Erschienen in <a href=\"http:\/\/www.kreuzer-leipzig.de\" Target=\"_blank\">Kreuzer<\/a> 12\/2007<\/em><\/p>\n<p><em>\u201e(Bonbon Planet, Tag)<br \/>\nKnallblauer Himmel mit Sch\u00e4fchenwolken.<br \/>\nEin Schmetterling flattert ins Bild und klimpert mit den Wimpern.<br \/>\nDer Schmetterling breitet seine Arme aus und beginnt zu singen.\u201c *1<\/em><\/p>\n<p>Genau genommen pfeift er erst, bevor er singt. Mit einer sturzfr\u00f6hlichen Stimme, die man nur zu gut kennt, weil man ihr im Osten zu Prinzen-Hochzeiten ums Verrecken nicht entgehen konnte. <!--more-->Eine Stimme, die man ob all ihrer unbek\u00fcmmerten Sonnigkeit abgrundtief zu hassen gelernt h\u00e4tte, wenn ihr Besitzer nicht tats\u00e4chlich einer der allerallernettesten Menschen w\u00e4re, denen man in Leipzig zwangsl\u00e4ufig \u00fcber den Weg l\u00e4uft, wenn man irgendetwas mit Musik zu tun hat oder auch nur einen Coverabend im Szene-Stammclub Ilses Erika besucht. Der Schmetterling singt also mit der Stimme von Sebastian Krumbiegel und es ist ein sch\u00f6ner Tag.<br \/>\nEs ist eine der fr\u00fchen Szenen und nat\u00fcrlich hat der Schmetterling nicht mehr viel Zeit f\u00fcr Fr\u00f6hlichkeit. Oder Leben. <\/p>\n<p><em>\u201eDie Schlammpf\u00fctze kaut gr\u00fcndlich und knirschend.<br \/>\nSie schluckt den Schmetterling glucksend herunter.<br \/>\nKreatur 1: Endlich h\u00e4lt der mal die Fresse!<br \/>\nKreatur 2: Schmetterlinge bringens einfach nicht.\u201c*1<\/em><\/p>\n<p>Willkommen in der Welt von Schwarwels Schweinevogel.<br \/>\nEin Animationsfilm soll es werden und es gibt noch nicht wirklich viel davon, au\u00dfer dem Drehbuch, einigen Dutzend Skizzen, einem mordsm\u00e4\u00dfigen Antrag f\u00fcr die Mitteldeutsche Medienf\u00f6rderung, ersten Animationsskizzen, diesem Song und einem Riesenhaufen Schweinevogel-Geschichte, die eine Menge zu erz\u00e4hlen vermag \u00fcber den Comiczeichner, der sie erschaffen hat, \u00fcber Selbstfindung und Selbstbehauptung von irren Wendezeiten bis heute und das Kommen und Gehen in der deutschen Comiclandschaft. Oder das Wiederkommen. <\/p>\n<p><em>Ganz sch\u00f6n \u00f6de, so ein Komick-Heft, was? *2<\/em><\/p>\n<p>\u201eLiebe, Tod und Teufel\u201c hei\u00dft 1990, lange nach der Geburt im Kopier-Untergrund, das erste \u201erichtige\u201c Schweinevogelheft. (Die Druckkosten f\u00fcr die \u2013 im MDM-Antragsjargon \u2013 \u201eKleinauflage\u201c von 5.000 werden vom Vater und G\u00f6nner vorgeschossen \u2013 f\u00fcr den Verkauf dieser St\u00fcckzahl w\u00fcrde sich heutzutage mancher Comic-Macher die Hand abhacken lassen.) Ein putziger kleiner Kerl ist das, wie er da durchs Leben patscht: altklug, vorlaut, trotzig. Einer der sich nie unterkriegen lassen will aber nat\u00fcrlich immer verliert. Auflehnen gegen das Schicksal bringt ja auch nichts, wei\u00df doch jeder. Aufgeben kommt trotzdem nicht in Frage. Und so gibts die n\u00e4chste Klatsche: von den Kumpels, von der Welt, einem Stein namens Gott oder gleich vom eigenen Zeichner.<br \/>\nDer sitzt gerade in Berlin, der Stadt, in die alle Leipziger zuerst ziehen, wenn sie Metropole erleben wollen. Es sind ja auch alle anderen schon da. Oder zumindest gen\u00fcgend, mit denen man die \u201eMessitsch\u201c machen kann, ein selten leidenschaftliches Musikmagazin, das bis heute als Legende durch die \u201eWei\u00dft du noch \u2026\u201c-Geschichten sp\u00e4tn\u00e4chtlicher Tresentreffen geistert. Musik mit Comics. Genau das richtige Ding also. Bis dann eben doch \u2013 und viel schneller als erwartet \u2013 die Kompromisse an die T\u00fcr klopfen, die alle immer eingehen, weil man ja irgendwie auch Anzeigen braucht. Der Anfang vom schnellen Ende. Da kann man auch gleich nach Leipzig zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p><em>Schweinevogel ist eigentlich ein durchaus gem\u00fctsames Wesen. Ein bisschen \u201eTotal Mortal Splatter Combat\u201c auf der Konsole und eine Pizza reichen zum Gl\u00fccklichsein. Nur, dass die Pizza nicht eben so schmeckt, wie man das von einer \u201eMonsterizza\u201c eigentlich erwarten d\u00fcrfte. Denn schon nach dem ersten Bissen landet unser kleiner Held im Nichts, im ABSOLUTEN NICHTS! Und er wird schon erwartet \u2026 *3<\/em><\/p>\n<p>Das \u201eBasement\u201c ist Leipzigs erster richtiger Comicladen \u00fcberhaupt. Hier, in Schwarwels neuem Refugium, gibts alles, was der ausgewachsene Comicnerd irgendwie gut findet: Comics, Actionfiguren, Trading Cards, Gadgets, Platten, gelegentlich \u2026 \u00f6hm \u2026 Restposten an nagelneuen Sneakers und nat\u00fcrlich das legend\u00e4re \u201eSchweine Park\u201c-Shirt. Schweinevogel hat inzwischen schon eine beachtliche Karriere hinter sich. Regelm\u00e4\u00dfige Strips \u2013 auch im KREUZER \u2013, eine eigene Merchandise-Linie, un\u00fcberschaubar viele Gastauftritte und Privatskizzen. Am Ende sind es aber doch nur Nebenrollen. Es ist gerade keine gute Zeit f\u00fcr Schweinevogels, die Stadt bebt und lebt an allen Enden. Schwarwel \u2013 obwohl immer noch beinharter Punkrocker \u2013 muss die ersten gro\u00dfen Leipziger Acid Partys organisieren, mit dem \u201eHousers\u201c-Comic die Clubszene der Stadt sezieren und sich dabei sowieso immer mal wieder mit denen anlegen, die nicht verstehen wollen, dass in ganz viel hei\u00dfe Luft manchmal einfach nur eine Nadel geh\u00f6rt. Also mit fast allen.<br \/>\n1996 ist es soweit. \u201eExtrem Erfolgreich Enterprises\u201c wird gegr\u00fcndet, um endlich die Schweinevogel-Serie zu ver\u00f6ffentlichen, die Schwarwel schon lange unter den N\u00e4geln brennt. Im eigentlichen Sinne ist EEE ein Comicverlag wie jeder andere. Man druckt eigene und lizensierte Comics, verkauft sie, pflegt das Verlagsprogramm und versucht, so gut es halt geht, auf dem gerade boomenden Markt pr\u00e4sent zu sein. Wenn die Chefs des Verlags allerdings Schwarwel und \u00c4rzte-Drummer Bela B. sind und ihre Egos mitbringen, bedeutet das \u201eKlotzen statt Kleckern\u201c. Dann gibts ein gutes St\u00fcck Rockstar-Bonus, keine Kompromisse, eine knallharte Imagepflege als \u201eWir sind die B\u00f6sen!\u201c \u2013 und eine Menge Spa\u00df f\u00fcr alle, die dabei sind. <\/p>\n<p><em>Wenn Schwarwel, der Mann f\u00fcrs Grobe, gegen Mittag die R\u00e4ume betritt, macht sich sofort seine exzellent schlechte Laune breit, die schon so manchen Unw\u00fcrdigen in den Wahnsinn getrieben hat. Auch sonst herrscht der Vizemeister des B\u00f6sen mit eiserner Hand: Peitsche statt Zuckerbrot. Ein w\u00fcrdiger Chef also. *4<\/em><\/p>\n<p>Essen, Comic Action 2000: Am Stand von EEE ist ordentlich Betrieb. Der Engl\u00e4nder Simon Bisley signiert da, einer dieser \u201egro\u00dfen Namen\u201c, die man eben so kennt, wenn man die letzten f\u00fcnf Jahre Comic-Boom nicht komplett verschlafen hat. Aber was hei\u00dft schon \u201esignieren\u201c? Eben hat der angestammte Harley-Fahrer an einem der unz\u00e4hligen Fantasy-Ausstatter-St\u00e4nde Ritterhandschuhe entdeckt. Er ist begeistert. Mit Grobmetall an der Hand wischt er \u00fcber die teuren Erstausgaben und Sonderhefte und achtet gar nicht auf die entsetzten Fans, die ihre Sammlerwerte ruiniert sehen. Im Hintergrund feixt das Team und schenkt ihm und sich Sake nach. Rock\u2019n\u2019Roll!<br \/>\nAus Sicht von EEE ist die deutsche Comicszene bis dahin eigentlich nicht viel mehr als ein Haufen uncooler Loserfreaks, deren Bed\u00fcrfnisse von Leuten bedient werden, die dem Comicladen-Besitzer bei den \u201eSimpsons\u201c aufs Haar gleichen. Oder \u2013 noch schlimmer! \u2013 die Comics als \u201eachte Kunst\u201c feiern. Es sind doch nur Comics! Heftchen mit Geschichtchen. Spannend, cool gezeichnet, gern mit Sex und Gewalt. Vielleicht auch ein bisschen tiefschichtig. Aber eben immer noch Comics.<br \/>\n\u201eSchweinevogel\u201c soll so ein Comic sein. Das Personal ist bekannt: Der genauso gro\u00dfm\u00e4ulige wie keine Peinlichkeit auslassende Hauptheld in der Bauwagen-WG, Hausv\u00e4terchen und Intelligenzbestie Iron Doof, Gro\u00dfmaul und Ex-Schlammpf\u00fctze Swampie, das knuffige Hausferkel Sid und all die anderen von Begonie bis Gott.<br \/>\nAber irgendwann im Verlauf der Serie wirds pers\u00f6nlich. Dann wei\u00df man nicht mehr so recht, ob Schweinevogel nicht pl\u00f6tzlich doch ein bisschen zu sehr Schwarwel geworden ist. Die Leichtigkeit weicht existenzieller Austeilerei, die Welt ist immer noch gegen einen aber jetzt tats\u00e4chlich d\u00fcster. Tabus? Pah! Die \u201eEvil\u201c-Phase beginnt.<br \/>\nLange geht das nicht gut. Die goldenen Zeiten f\u00fcr Independent-Comics sind sowieso bald vorbei, eine gigantische Mangawelle erdr\u00fcckt alles, was nicht Asterix hei\u00dft. Und Spa\u00df machts irgendwann auch nicht mehr wirklich. Dann kann man es auch lassen. EEE wird 2004 beerdigt.<\/p>\n<p><em>\u201eIron Doof: Ich sag immer, doof bleibt doof, da helfen keine Pillen!<br \/>\nPuffelchen: Hmm \u2026 sowas sagst gerade du?<br \/>\nIron Doof: Quot erat doofenstrantum.\u201c *5<\/em><\/p>\n<p>Und jetzt ein Film? Ja, warum auch nicht?<br \/>\nGut, es ist ein Kurzfilm und es gibt ihn noch gar nicht. Aber es arbeiten immerhin schon ein gutes halbes Dutzend Leute dran. Nicht unbedingt 24 Stunden am Tag und nicht sieben Tage die Woche. Zu verdienen gibts sowieso erstmal gar nichts. Vorw\u00e4rts gehts trotzdem. Was eigentlich auch keiner vorher glauben mochte \u2013 die Medienf\u00f6rderung sieht Potenzial und legt einen Etat auf den Tisch. Der Terminplan steht, die Festivalteilnahmen sind schon angepeilt, Sebastian Krumbiegel singt, namhafte Schwarwel-Bekannte wie Detlev Buck oder Tim Sander kommen nach Leipzig und sprechen ihre Rollen ein. Und das Beste: Schweinevogel ist wieder der Alte. Zum Knuddeln. Zum Grinsen. Zum \u201eGenau!\u201c-Sagen. Und alle alle alle sind sie immer noch dabei, die es schon immer gegeben hat. Unverkennbar Schweinevogel und seine Freunde.<br \/>\nAugsburg<\/p>\n<p>*1) Drehbuch zu \u201eSchweinevogel: Es lebe der Fortschritt!\u201c, AGM 2007<br \/>\n*2) Schweinevogel in \u201eLiebe, Tod und Teufel\u201c, Opossum Verlag 1990<br \/>\n*3) Promotext zu \u201eSchweinevogel, Vol. 1\u201c, EEE, 1998<br \/>\n*4) \u201eExtrem Terror\u201c CD-Rom, Nuclear Blast\/EEE, 2000<br \/>\n*5) Sketch zu \u201eSchweinevogel\u201c, 2007<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leipzigs Comic-Urgestein Schwarwel und der lange Weg zum Schweinevogel-Film Erschienen in Kreuzer 12\/2007 \u201e(Bonbon Planet, Tag) Knallblauer Himmel mit Sch\u00e4fchenwolken. Ein Schmetterling flattert ins Bild und klimpert mit den Wimpern. 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