Sag gna!

Leipzigs Comic-Urgestein Schwarwel und der lange Weg zum Schweinevogel-Film

Erschienen in Kreuzer 12/2007

„(Bonbon Planet, Tag)
Knallblauer Himmel mit Schäfchenwolken.
Ein Schmetterling flattert ins Bild und klimpert mit den Wimpern.
Der Schmetterling breitet seine Arme aus und beginnt zu singen.“ *1

Genau genommen pfeift er erst, bevor er singt. Mit einer sturzfröhlichen Stimme, die man nur zu gut kennt, weil man ihr im Osten zu Prinzen-Hochzeiten ums Verrecken nicht entgehen konnte. Eine Stimme, die man ob all ihrer unbekümmerten Sonnigkeit abgrundtief zu hassen gelernt hätte, wenn ihr Besitzer nicht tatsächlich einer der allerallernettesten Menschen wäre, denen man in Leipzig zwangsläufig über den Weg läuft, wenn man irgendetwas mit Musik zu tun hat oder auch nur einen Coverabend im Szene-Stammclub Ilses Erika besucht. Der Schmetterling singt also mit der Stimme von Sebastian Krumbiegel und es ist ein schöner Tag.
Es ist eine der frühen Szenen und natürlich hat der Schmetterling nicht mehr viel Zeit für Fröhlichkeit. Oder Leben.

„Die Schlammpfütze kaut gründlich und knirschend.
Sie schluckt den Schmetterling glucksend herunter.
Kreatur 1: Endlich hält der mal die Fresse!
Kreatur 2: Schmetterlinge bringens einfach nicht.“*1

Willkommen in der Welt von Schwarwels Schweinevogel.
Ein Animationsfilm soll es werden und es gibt noch nicht wirklich viel davon, außer dem Drehbuch, einigen Dutzend Skizzen, einem mordsmäßigen Antrag für die Mitteldeutsche Medienförderung, ersten Animationsskizzen, diesem Song und einem Riesenhaufen Schweinevogel-Geschichte, die eine Menge zu erzählen vermag über den Comiczeichner, der sie erschaffen hat, über Selbstfindung und Selbstbehauptung von irren Wendezeiten bis heute und das Kommen und Gehen in der deutschen Comiclandschaft. Oder das Wiederkommen.

Ganz schön öde, so ein Komick-Heft, was? *2

„Liebe, Tod und Teufel“ heißt 1990, lange nach der Geburt im Kopier-Untergrund, das erste „richtige“ Schweinevogelheft. (Die Druckkosten für die – im MDM-Antragsjargon – „Kleinauflage“ von 5.000 werden vom Vater und Gönner vorgeschossen – für den Verkauf dieser Stückzahl würde sich heutzutage mancher Comic-Macher die Hand abhacken lassen.) Ein putziger kleiner Kerl ist das, wie er da durchs Leben patscht: altklug, vorlaut, trotzig. Einer der sich nie unterkriegen lassen will aber natürlich immer verliert. Auflehnen gegen das Schicksal bringt ja auch nichts, weiß doch jeder. Aufgeben kommt trotzdem nicht in Frage. Und so gibts die nächste Klatsche: von den Kumpels, von der Welt, einem Stein namens Gott oder gleich vom eigenen Zeichner.
Der sitzt gerade in Berlin, der Stadt, in die alle Leipziger zuerst ziehen, wenn sie Metropole erleben wollen. Es sind ja auch alle anderen schon da. Oder zumindest genügend, mit denen man die „Messitsch“ machen kann, ein selten leidenschaftliches Musikmagazin, das bis heute als Legende durch die „Weißt du noch …“-Geschichten spätnächtlicher Tresentreffen geistert. Musik mit Comics. Genau das richtige Ding also. Bis dann eben doch – und viel schneller als erwartet – die Kompromisse an die Tür klopfen, die alle immer eingehen, weil man ja irgendwie auch Anzeigen braucht. Der Anfang vom schnellen Ende. Da kann man auch gleich nach Leipzig zurückgehen.

Schweinevogel ist eigentlich ein durchaus gemütsames Wesen. Ein bisschen „Total Mortal Splatter Combat“ auf der Konsole und eine Pizza reichen zum Glücklichsein. Nur, dass die Pizza nicht eben so schmeckt, wie man das von einer „Monsterizza“ eigentlich erwarten dürfte. Denn schon nach dem ersten Bissen landet unser kleiner Held im Nichts, im ABSOLUTEN NICHTS! Und er wird schon erwartet … *3

Das „Basement“ ist Leipzigs erster richtiger Comicladen überhaupt. Hier, in Schwarwels neuem Refugium, gibts alles, was der ausgewachsene Comicnerd irgendwie gut findet: Comics, Actionfiguren, Trading Cards, Gadgets, Platten, gelegentlich … öhm … Restposten an nagelneuen Sneakers und natürlich das legendäre „Schweine Park“-Shirt. Schweinevogel hat inzwischen schon eine beachtliche Karriere hinter sich. Regelmäßige Strips – auch im KREUZER –, eine eigene Merchandise-Linie, unüberschaubar viele Gastauftritte und Privatskizzen. Am Ende sind es aber doch nur Nebenrollen. Es ist gerade keine gute Zeit für Schweinevogels, die Stadt bebt und lebt an allen Enden. Schwarwel – obwohl immer noch beinharter Punkrocker – muss die ersten großen Leipziger Acid Partys organisieren, mit dem „Housers“-Comic die Clubszene der Stadt sezieren und sich dabei sowieso immer mal wieder mit denen anlegen, die nicht verstehen wollen, dass in ganz viel heiße Luft manchmal einfach nur eine Nadel gehört. Also mit fast allen.
1996 ist es soweit. „Extrem Erfolgreich Enterprises“ wird gegründet, um endlich die Schweinevogel-Serie zu veröffentlichen, die Schwarwel schon lange unter den Nägeln brennt. Im eigentlichen Sinne ist EEE ein Comicverlag wie jeder andere. Man druckt eigene und lizensierte Comics, verkauft sie, pflegt das Verlagsprogramm und versucht, so gut es halt geht, auf dem gerade boomenden Markt präsent zu sein. Wenn die Chefs des Verlags allerdings Schwarwel und Ärzte-Drummer Bela B. sind und ihre Egos mitbringen, bedeutet das „Klotzen statt Kleckern“. Dann gibts ein gutes Stück Rockstar-Bonus, keine Kompromisse, eine knallharte Imagepflege als „Wir sind die Bösen!“ – und eine Menge Spaß für alle, die dabei sind.

Wenn Schwarwel, der Mann fürs Grobe, gegen Mittag die Räume betritt, macht sich sofort seine exzellent schlechte Laune breit, die schon so manchen Unwürdigen in den Wahnsinn getrieben hat. Auch sonst herrscht der Vizemeister des Bösen mit eiserner Hand: Peitsche statt Zuckerbrot. Ein würdiger Chef also. *4

Essen, Comic Action 2000: Am Stand von EEE ist ordentlich Betrieb. Der Engländer Simon Bisley signiert da, einer dieser „großen Namen“, die man eben so kennt, wenn man die letzten fünf Jahre Comic-Boom nicht komplett verschlafen hat. Aber was heißt schon „signieren“? Eben hat der angestammte Harley-Fahrer an einem der unzähligen Fantasy-Ausstatter-Stände Ritterhandschuhe entdeckt. Er ist begeistert. Mit Grobmetall an der Hand wischt er über die teuren Erstausgaben und Sonderhefte und achtet gar nicht auf die entsetzten Fans, die ihre Sammlerwerte ruiniert sehen. Im Hintergrund feixt das Team und schenkt ihm und sich Sake nach. Rock’n’Roll!
Aus Sicht von EEE ist die deutsche Comicszene bis dahin eigentlich nicht viel mehr als ein Haufen uncooler Loserfreaks, deren Bedürfnisse von Leuten bedient werden, die dem Comicladen-Besitzer bei den „Simpsons“ aufs Haar gleichen. Oder – noch schlimmer! – die Comics als „achte Kunst“ feiern. Es sind doch nur Comics! Heftchen mit Geschichtchen. Spannend, cool gezeichnet, gern mit Sex und Gewalt. Vielleicht auch ein bisschen tiefschichtig. Aber eben immer noch Comics.
„Schweinevogel“ soll so ein Comic sein. Das Personal ist bekannt: Der genauso großmäulige wie keine Peinlichkeit auslassende Hauptheld in der Bauwagen-WG, Hausväterchen und Intelligenzbestie Iron Doof, Großmaul und Ex-Schlammpfütze Swampie, das knuffige Hausferkel Sid und all die anderen von Begonie bis Gott.
Aber irgendwann im Verlauf der Serie wirds persönlich. Dann weiß man nicht mehr so recht, ob Schweinevogel nicht plötzlich doch ein bisschen zu sehr Schwarwel geworden ist. Die Leichtigkeit weicht existenzieller Austeilerei, die Welt ist immer noch gegen einen aber jetzt tatsächlich düster. Tabus? Pah! Die „Evil“-Phase beginnt.
Lange geht das nicht gut. Die goldenen Zeiten für Independent-Comics sind sowieso bald vorbei, eine gigantische Mangawelle erdrückt alles, was nicht Asterix heißt. Und Spaß machts irgendwann auch nicht mehr wirklich. Dann kann man es auch lassen. EEE wird 2004 beerdigt.

„Iron Doof: Ich sag immer, doof bleibt doof, da helfen keine Pillen!
Puffelchen: Hmm … sowas sagst gerade du?
Iron Doof: Quot erat doofenstrantum.“ *5

Und jetzt ein Film? Ja, warum auch nicht?
Gut, es ist ein Kurzfilm und es gibt ihn noch gar nicht. Aber es arbeiten immerhin schon ein gutes halbes Dutzend Leute dran. Nicht unbedingt 24 Stunden am Tag und nicht sieben Tage die Woche. Zu verdienen gibts sowieso erstmal gar nichts. Vorwärts gehts trotzdem. Was eigentlich auch keiner vorher glauben mochte – die Medienförderung sieht Potenzial und legt einen Etat auf den Tisch. Der Terminplan steht, die Festivalteilnahmen sind schon angepeilt, Sebastian Krumbiegel singt, namhafte Schwarwel-Bekannte wie Detlev Buck oder Tim Sander kommen nach Leipzig und sprechen ihre Rollen ein. Und das Beste: Schweinevogel ist wieder der Alte. Zum Knuddeln. Zum Grinsen. Zum „Genau!“-Sagen. Und alle alle alle sind sie immer noch dabei, die es schon immer gegeben hat. Unverkennbar Schweinevogel und seine Freunde.
Augsburg

*1) Drehbuch zu „Schweinevogel: Es lebe der Fortschritt!“, AGM 2007
*2) Schweinevogel in „Liebe, Tod und Teufel“, Opossum Verlag 1990
*3) Promotext zu „Schweinevogel, Vol. 1“, EEE, 1998
*4) „Extrem Terror“ CD-Rom, Nuclear Blast/EEE, 2000
*5) Sketch zu „Schweinevogel“, 2007

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