Soul Stars On 45

„Soul Symphony“ im Alten Schlachthof Dresden
von Jörg Augsburg

Für Die Welt 04/2008

„MDR Sputnik“ – Hallenser Erbe des vormaligen Ostberliner Kultsenders „DT 64“ – ist seit anderthalb Jahren der Fuß der Anstalt in der Tür zur neuen Medienwelt. Das Rezept ist simpel: Ein vergleichsweise junges Team hat Rückendeckung und Narrenfreiheit, macht Radio mit guter Popmusik und hohem Wortanteil. Ein Platz zum Ausloten der Option „Neue Medien“ und nicht zuletzt ein Lichtblick in Hinsicht anschwellender Diskussionen über Hörer-Nachwuchs, öffentlich-rechtlichen Programmauftrag und Gebühren. Dass nun ausgerechnet „Sputnik“ Hand ans gehobene Kulturgut „MDR Sinfonieorchester“ legen darf, ist eine gar nicht so krude Idee.
Dessen Chefdirigent Jun Märkl ist kein bärbeißiger Maestro aus dem Abschreckungsportfolio der Hochkultur. Er hüpft vor Freude auf dem Podium, verfügt über ein schelmisches Lächeln und gibt in Aktion und im legeren Hemd ein auch für Jüngere durchaus attraktives Bild ab.
Popmusik und Orchester – das kommt schnell in den Geruch der penetranten Kulturhuberei oder der billigen Anbiederung an jeweils neue Zielgruppen. Beim Philly-Soul liegt die Sache ein bisschen anders. Ohne opulente Streicherarrangements wäre er schlicht undenkbar, sie sind das Markenzeichen des Sounds aus Philadelphia, der in den Siebzigern seine großen Hits hatte. Bis heute greifen R’n’B- und HipHop-Stars auf Philly-Experten wie Produzenten-Institution Larry Gold zurück, wenn sie sich einen kompetenten Streichersound wünschen. Warum sollte das nicht auch mit einem ganzen Sinfonieorchester funktionieren?
Das, einen vermutlich überzeugenden Scheck und Sängerin Joy Denalane – ihr Album „Born & Raised“ wurde 2006 in Philadelphia produziert – hatte der „Sputnik“-Musikchef Rainhard Bärenz vorzuzeigen, als er in Amerika anrief. Mit Tweet, Bilal und Dwele waren schnell drei weitere erstklassige Soulstimmen gefunden, die man gerade noch guten Gewissens als Stars bezeichnen darf. Philly-Soul hatte zur Jahrtausendwende mit Sängern wie D’Angelo oder eben Bilal noch einen kleinen Schub unter dem Etikett Neo-Soul – heute dominiert technisch aufgemotzter Pop-R’n’B à la Beyoncé den Musikmarkt. In Europa kennt man unter diesem Etikett gar Amy Winehouse oder Duffy, in deren Video smarte Fred Perry-Kids tanzen.
Nun also die „Dresden Soul Symphony“: Ein Experiment ist sie vor allem für die Beteiligten und in der Tat ein umwerfendes Klangerlebnis, bei dem ein 130-köpfiges, gut eingespieltes Sinfonieorchester samt „Kinderchor“ (der sich bei dieser Gelegenheit als anderthalb Dutzend adretter Girlies entpuppt) die denkbar größte und präziseste Backingband abgibt. Elektrischer Funk-Bass und herkömmliche Drums dominieren letztendlich die Struktur. Immmerhin: Ein eindrucksvolleres „The Sound Of Philadelphia“ – Larry Gold war damals als Cellist dabei, als der Inbegriff des damaligen Philly-Sounds 1974 weltweit in die Charts kam – ist kaum vorstellbar, die Sinfoniker selbst lassen sich von der Begeisterung anstecken.
Nüchtern betrachtet ist das als „Sinfonie“ gehandelte Werk trotz sauberer Durchdeklination der klassischen Begrifflichkeiten eine hochklassige Nummernrevue, eine Art „Soul Stars On 45“ für nicht ganz so kulturbildungsferne Schichten. Zeit für mehr sei nicht gewesen, lassen Larry Gold und sein Schwiegersohn-Mitstreiter Daniel Felsenfeld wissen, und machen damit klar, dass sie weniger Kompositions- als Arrangeurswerk abgeliefert haben. Aber die Profis wissen, wie man ein Publikum dran kriegt. Im Adagio zeigen Orchester und Vokalisten, dass sie ordentlich Breitwand können, das Scherzo wird der Mitklatschblock und zum Finale gibt’s nochmal reichlich Gelegenheit für Begeisterungsjuchzer. Dass Soul auch eine verbitterte, kaputte, drogen-schwangere, schwarze Seele hat, erfährt man von diesem Happening naturgemäß nicht.
Trotzdem: Ein bemerkenswertes Ereignis ist es allemal. Eines, für das man vielleicht ganz gern Gebühren zahlt. Das allein ist ja schon eine Menge wert beim MDR.

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