Boys Don’t Cry

Eine Jugend auf dem Land: Rocko Schamonis „Dorfpunks“

Rezension zu „Rocko Schamoni: Dorfpunks“; Rohwolt Taschenbuch 2004, 208 S., 11 €; erschienen in Kreuzer 03/2004

„Was war wichtiger, Küsse oder Härte? … Härte.“
In Schmalenstedt ist man cool, wenn man mit dreizehn Trecker steuern darf, ein frisiertes Mofa fährt, immer mal auf die Fresse bekommt oder besser noch gibt und sowieso ordentlich säuft. Anfang der Achtziger gibt es nicht viel zu erleben für Teenager in der schleswig-holsteinischen Provinz. Rumhängen, Scheiße bauen, Punk sein. Dorfpunk. Verschwende deine Jugend mit Kuhmist, Meiers Disco, Realschule. Alles ist besser, das anders ist, als es eben ist. Die Rebellion hat kein Ziel und als selbsterklärter Punk darf man auch Sade gut finden.
„Roman“ nennt Rocko Schamoni seinen Zweitling. Was wohl nur ein Hinweis ist, dass man nicht alles wörtlich nehmen sollte. Eigentlich ist es natürlich eine Autobiografie. Eine, bei der man halt nicht genau weiß, welche Episoden und Personen frei erfunden sind. Aber es ist auch gar nicht wichtig, ob Schamoni wirklich Töpfer gelernt hat, oder, dass es ein Schmalenstedt gar nicht gibt. War „Risiko des Ruhms“ – das Aufsehen erregende Debüt vor zwei Jahren – noch eine wild wuchernde Assoziationskette voller schrulliger Überdrehtheit, entpuppt sich „Dorfpunks“ als eine Art Sozialstudie, die der heute Enddreißiger zwar gewohnt fabulierversessen aber voller detailfreudiger Authentizität aufgeschrieben hat. So, als ob sich da jemand seiner eigenen Geschichte vergewissern möchte. Mit dem sicheren Abstand von zwei Lebensjahrzehnten, ein paar altersweisen Einsichten und milder Ironie, deren Abwesenheit aus dem Dorfjungen überhaupt erst einen Dorfpunk machten – einen Rebellen also, einen Außenseiter, der sich eine neue Familie sucht, weil die eigenen Eltern nach dem neuen Wertekatalog hippieeske Weicheier sind. „Anders sein“ heißt einer der Songs, die später – viel später – textlich ausbeuten, was mit fünfzehn im wahrsten Sinne des Wortes blutiger Ernst ist.
Schön aufgeschrieben ist das, kurzweilig zu lesen sowieso und mit jener eleganten Schnoddrigkeit des Vollblutentertainers intoniert, die Schamoni in diesem Land nicht viele nachmachen können. Dass dabei noch ein wenig Punkgeschichte in Deutschland gerade gerückt wird – es gab eben nicht nur Hamburg, Berlin oder Düsseldorf, und wahrscheinlich waren die Landeier wirklich die härteren Punks –, darf sich Rocko Schamoni obendrein zugute schreiben.
Augsburg

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