Weniger inszeniert, als man denkt

Interview mit der Band Rammstein

Erschienen in Kreuzer 12/1995

Texte an der Schmerzgrenze und entfesselter Körperkult sind das Hervorstechendste an RAMMSTEIN. Aber sie sind die erste deutsche Band, die es geschafft hat, ihre brachiale Electro-Metal-Fusion auch in die Rillen zu bekommen. Ein Interview mit Paul von Rammstein über intellektuelle Künstler, Techno – und natürlich Frauen.

Ihr hört im Interview sicher nicht zum ersten Mal das Stichwort Laibach.
Also wir kannten Laibach vor den vielen Journalistenfragen nur vom Namen. Jetzt werden wir dauernd verglichen und haben uns deswegen mal den Laibach-Film „Sieg unter der Sonne“ angesehen. Und wir haben festgestellt, daß wir mit Laibach fast nichts zu tun haben. Die sind intellektuelle Künstler und wir haben viel mehr „Bauch“ und „Herz“. Unsere Show ist Ausdruck von Erotik und Sexualität, nicht von Totalitarismus. Natürlich stürzen wir nicht kopflos und in Hemdsärmeln auf die Bühne. Aber es ist weniger inszeniert, als du vielleicht denkst. Einiges in der Show erfordert einfach die Musik. Auf jeden Fall wollen wir nicht eine Stunde lang mit Drohgebärden rumstehen.

Den derzeitige Fusionstrend von brutalen Metal/Hardcore-Riffs mit Dancefloor- oder Technosounds kriegen nur ganz wenige Bands adäquat auf Platte. Wieso hat das bei euch geklappt?
Die meisten Bands klingen einfach nur schlecht, weil die Musik schlecht ist. Da kann der Produzent nicht zaubern. Metallica klingen nicht deshalb so gut, weil sie besonders gut gemischt sind. Das sind einfach gute Riffs. Und gutes Riff mit gutem Rhythmus gut arrangiert klingt gut. Der Sound wird umso besser je mehr du versuchst die Songs vorher gut klingen zu lassen lassen. Ein guter Song klingt schon auf dem blöden Recorder im Proberaum besser, als ein schlechter Song.

Gab es von eurem Label – immerhin Motor Music – eigentlich irgendwelche Bedenken wegen der Texte?
Da gab es keinerlei Einschränkung. Im Gegenteil: Die haben uns ja gerade deshalb genommen. Die wußten ja, was sie einkaufen, was für ein Ungeheuer sie sich an Land ziehen. Die finden das gerade gut und sagen dann immer: „Hier, macht das doch mal richtig hart!“ Die wollen richtig Ärger.

Wie ist euer Eindruck vom Publikum bei den Konzerten.
Das Publikum ist erstmal ein bißchen erschlagen, wenn es uns zum ersten Mal sieht. Es gibt ja auch noch kein richtiges „Rammstein-Publikum“. Die Leute kommen aus ganz verschiedenen Szenen. Aber inzwischen fangen sie schon mal an zu tanzen. Und das freut uns am meisten. Wir machen nicht umsonst „Tanzmetall“. Die Leute sollen tanzen.

Wie reagieren Frauen auf – beispielsweise – eure Texte?
Frauen zeigen eine sehr gute Resonanz. Die meisten reagieren sowieso emotionaler und haben erstaunliches Verständnis für die Texte, von denen wir am Anfang dachten, daß sie vielleicht frauenfeindlich oder sexistisch wirken könnten. Aber die empfinden das erstaunlich positiv. So ist es ja auch gedacht. Wir sind frauenfreundlich, wir lieben Frauen und wären anderenfalls ja doof.

Hängt euch der Name Feeling B – das Vorläuferprojekt – noch irgendwie an?
Für uns eigentlich nicht. Das ist ein richtig neuer Anfang von Null. Am Anfang haben die Veranstalter noch mit dem Namen gearbeitet, um den Saal vollzukriegen. Wir hatten ihnen ja auch gesagt, wer wir sind. Uns kannte ja keiner. Das wurde dann teilweise übertrieben angekündigt. Aber das ging uns natürlich nur im Osten so. Vom Publikum her gab es eigentlich von Anfang an kaum eine Verbindung. Da ruft niemand mehr nach den alten Feeling B-Songs.

Auf eurer Single wurdet ihr von Project Pitchfork geremixt. Wen hättet ihr denn gern für die Zukunft?
Wir hätten gern Westbam oder Mark Spoon – aber die wollen uns nicht. Die können mit unserem Zeug nichts anfangen. Klar, die DJs sind immer allein und leben ein bißchen ungesund, hausen an ihren Computern. Wir sind dagegen eine Band, mit Gitarren – das mögen die nicht, das ist für die Schnee von 1960. Wir dachten eigentlich immer, daß diese Techno-Typen offener sind als Metaller, aber die sind genauso beschränkt. Obwohl inzwischen ja jeder versucht, irgendwas mit Techno an Land zu ziehen, wenn dieser Alpenmilch-Opa 500.000 Platten verkauft. Alle wollen Remixe. Aber ein Remix an sich ist auf jeden Fall innovativ. Es gibt einfach nicht so viele gute Songs, meistens gibt’s einfach nur Kopien von älteren Songs. Wenn man dann versucht, durch Remixe aus einem guten Song verschiedene Versionen zu machen, dann ist das ziemlich geil.
Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, daß auf Rammstein meistens Leute stehen, die keinen Techno mögen. Oder andersrum gesagt: Es gibt erstaunlich viele, die nicht auf Techno stehen, aber Rammstein mögen.

Warum kommt eigentlich das – im Konzert sehr beeindruckende – kollektive Pumpgun-Durchladen in „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen“ auf der Platte so lasch rüber? Das ist richtig frustrierend, wenn man darauf wartet.
Da ärgern wir uns auch richtig drüber. Das ist der einzige Fehler auf der Platte, den wir eingestehen. Das ist viel zu dumpf, zu leise und nicht richtig im Rhythmus. Im Konzert ist es echt viel lauter.
Interview: Augsburg

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