Mein Leben mit Schweinevogel

Editorialbeitrag in „Schwarwel: Schweinevogel Total-O-Rama“; Holzhof Verlag Dresden, Hrsg. Glücklicher Montag Leipzig, 616 S., ISBN 978-3-939509-86-8, 24,90 Euro

Man kam in Leipzig nicht wirklich an Schweinevogel vorbei. Zumindest nicht ein, zwei Jahre nach dem Mauerfall, wenn man irgendwas mit der „Szene“ zu tun hatte. Die war nicht wirklich unübersichtlich und wenn man in ein paar der angesagten Locations unterwegs war, stolperte man unweigerlich über alles, was in der Stadt Rang und Namen hatte. So, wie eben Schweinevogel. Ich weiß nicht mehr genau, ob meine erste Begegnung mit ihm im „Fischmarkt“ war, der „Messitsch“ oder gar „Liebe, Tod und Teufel“ – jedenfalls war Schweinevogel ein von Anfang an sympathischer Zeitgenosse. Man konnte sich wohl problemlos mit dem knuffigen Kerl identifizieren – faul, vorlaut, verfressen und auf eine angenehme Art fies zu seinen Comic-Kumpeln.

Klar, dass man irgendwann auch auf Schwarwel trifft, in dessen Comicladen man sowieso reichlich Zeit zubringen konnte und dem man auch sonst immer wieder über den Weg läuft. Wie gesagt, die Stadt ist nicht so groß und wenn man beim Kreuzer, dem tonangebenden Stadtmagazin, für Musik und damit praktisch für alles jugend- und subkulturelle Treiben zuständig ist, ergeben sich ziemlich schnell und quasi automatisch Berührungspunkte der jeweiligen Schaffensbereiche. Immerhin war Schwarwel in jenen Tagen ganz schön viel gleichzeitig; Comicladenbesitzer, Zeichner, Flyerdesigner, Plattencovergestalter und sogar Acidpartyveranstalter. Fehlte nur noch der eigene Verlag: Extrem Erfolgreich Enterprises. Und die eigene Comicserie: Schweinevogel, logisch.

Bei dessen Gründung war ich also der Mann fürs Öffentliche, schließlich sollte die Welt auch angemessen erfahren, dass Schweinevogel jetzt eine reguläre Heimstatt und eine eigene Serie hatte. Es wurde dann auch schnell spannend, denn – und das war 1997 noch echtes Abenteuerland – eine eigene Homepage sollte her! Ich sags mal so: Wir müssen uns dieser allerersten Schweinevogel-Webseite auch heute noch nicht schämen! (Wovon sich übrigens jeder im Archiv auf schweinevogel.de überzeugen kann.) Für mich hatte dieses Projekt weitreichende Folgen, war sie doch der Auslöser und Grundstein für einen sehr beträchtlichen Teil meines folgenden beruflichen Schaffens, das sich seitdem zu großen Teilen eben um Webseiten dreht.

Die Zeichen standen günstig, die Zeiten waren gerade richtig. Comics hatten Hochkonjunktur und mit Eigner Bela B. als wirkmächtiges Aushängeschild an der Spitze des Verlags standen die Zeichen schnell auf Erweiterung des Verlagsprogramms. Das gestaltete sich ziemlich kompromisslos – zumindest im Vergleich zur doch eher biederen damaligen Comicszene. Gemäß der Vorlieben der beiden Chefs fürs Düstere, Gewalttätige und auch sonst sehr Freizügige in der Kunst sammelte sich im Laufe der Jahre ein auch heute noch recht beeindruckendes Portfolio an Blut, Sperma und Psychopathie auf – das muss man schon hinzufügen – hohem Niveau. (Dass EEE mit „Kunst“ agierte, wurde dann ja sogar in einer Verhandlung bei der legendären Bundesprüfstelle bestätigt.) Angemerkt sei auch, dass sich EEE – und auch das gabs so vorher nicht bei deutschen Comicverlagen – ein konsequentes Rock’n’Roll-Image verordnete: „Wir sind die Bösen!“ wurde dann auch ausgiebig auf den damals sprießenden Messen zelebriert, wo sich die Großfamilie in aller Pracht präsentierte und amüsierte. (Nachlesbar ist das in den alten Webtagebüchern – auch da war EEE ganz weit vorn.)

„Wir sind die Bösen!“ hat dann – ich meine: leider – auch deutlich auf Schweinevogel abgefärbt, dessen Story gen Ende massiv an schwergewichtiger Düsternis zulegte und damit reichlich Stoff für Küchenpsychologen lieferte. Erholung davon sollte ein Spinoff sein, eine Extrareihe mit gänzlich anderen Geschichten und vor allem eine, in der Schwarwel seinem Schweinevogel in fremde Hände legte. Was – wenn ich heute nochmal drüber nachdenke – ein gewaltiger Schritt war. Ein Comic in Abrafaxe-Manier sollte es sein, zeichnen durfte Ulf Graupner, der seine Brötchen sonst beim – sic – Mosaik verdiente. Der Plot hingegen lag tatsächlich in meinen Händen, selbstredend nicht ohne genaueste Begutachtung durch Schwarwel. „Aton – Fluch der Väter“ ist eine, wie ich immer mal wieder mit gebührendem zeitlichen Abstand feststelle, gar nicht so doofe Story rund um Pharaonen und Flüche. Zum Nachfolger – „Schweinevogel & die Nazifaxe“! – kam es dann leider nie mehr. Die Zeiten hatten sich geändert, der Comic-Hype war durch und wer sich nicht auf Mangas verlegte, hatte nicht mehr viel zu lachen – geschweige denn zu verkaufen. EEE wurde schleichend zu den Akten gelegt, ein paar Schweinevogel-Specials nachgelegt, dann waren erstmal ein wenig Abstand und Kleinauftritte geboten.

Bis zum Film, an den sich wohl niemand ernsthaft getraut hätte, wenn vorher schon klar gewesen wäre, welch ein praktisch irrsinniges Projekt das werden würde. Immerhin: Unmengen überschrittene Deadlines, eine unendliche Abfolge von Praktikanten als Fuß- – besser: – Handvolk und vielevieleviele Erfahrungen später war es tatsächlich soweit: Schweinevogel – Der Film. Okay, ein Kurzfilm, aber nichtsdestotrotz ein stolzes Werk, dem ich unter anderem verdanke, dass ich gepfiffene Liedanfänge inzwischen nicht mehr ertragen kann. Und auch, wenn es mit der großen Kinokarriere vermutlich nichts wird, Schweinevogel ist seitdem wieder der Alte, vielleicht sogar noch naseweiser, noch fauler und irgendwie kumpeliger, auch, weil es in Klump’n’schlomp natürlich fast so zugeht wie im richtigen Leben. Es ist jedenfalls der Schweinevogel den ich liebe. Stolz wie Bolle bin ja sowieso schon darüber, ein Rädchen im großen Uhrwerk der Schweinevogel-Historie zu sein. Und irgendwann liefere ich auch noch die Nazifaxe-Story. Ehrlich! Vorher muss ich aber selbst erstmal diesen Ziegelstein hier ausführlich durchschmökern. Gut Ding will Weile haben. Und Pizza!

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