{"id":106,"date":"2009-03-04T10:07:29","date_gmt":"2009-03-04T08:07:29","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=106"},"modified":"2009-10-04T11:04:33","modified_gmt":"2009-10-04T09:04:33","slug":"paranoia-amphetamine-und-rock%e2%80%99n%e2%80%99roll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=106","title":{"rendered":"Paranoia, Amphetamine und Rock\u2019n\u2019Roll"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rockkritik als Katharsis \u2013 die leidenschaftlichen Texte der Legende Lester Bangs<\/strong><\/p>\n<p><em>Rezension zu &#8222;Lester Bangs: Psychotische Reaktionen und hei\u00dfe Luft&#8220;; Edition Tiamat, 400 S., 19,80 Euro; erschienen in <a href=\"http:\/\/www.kreuzer-leipzig.de\" Target=\"_blank\">Kreuzer<\/a> Buchmesse-Beilage 03\/2009<\/em><\/p>\n<p>Da sitzt also dieser ein wenig aufgeschwemmt wirkende Typ mit dem selbst nach zeitgen\u00f6ssischen Kriterien irgendwie l\u00e4cherlichem Schnauzbart vor einem Lou Reed mit \u201eteigiger Haut\u201c, mit mindestens einer halben Flasche Whisky und werwei\u00dfwasnochalles intus und versucht, seinen Velvet Underground-Helden mit Fragen nach dessen Drogenkonsum in die Enge zu treiben, w\u00e4hrend der ihm eine (auch nach damaligen Ma\u00dfst\u00e4ben belanglose) Ron Wood-Platte vorspielen will. <!--more-->\u201eIch bin an einigen Sachen, die du zu sagen hast, interessiert, obwohl ich dich f\u00fcr einen Idioten halte.\u201c Sagt Lou Reed zu dem Interviewer, wohlgemerkt. Es geht um \u201eMetal Machine Music\u201c, eine genauso akribisch wahnwitzige wie unertr\u00e4gliche L\u00e4rm-Orgie, deren hochgeschraubte K\u00fcnstler-Attitude den Kritiker abst\u00f6\u00dft \u2013 und die ihn nicht davon abh\u00e4lt, das Album praktisch jeden Tag aufzulegen. Gerade weil es unh\u00f6rbar und widerlich ist.<br \/>\nWahrscheinlich reicht es aus, diesen Artikel von 1975 zu lesen, um Lester Bangs zu verstehen. Das schonungslose Protokoll einer paranoiden Beziehung zwischen Rockstar und Ersatz-Rockstar \u2013 eben Kritiker \u2013, das heute in einem Musikmagazin zu drucken undenkbar scheint.<br \/>\nSchier unglaubliche 20 Jahre nach seinem Erscheinen ist die Sammlung von Texten des vielleicht wichtigsten und leidenschaftlichsten Rockkritikers aller Zeiten in deutscher \u00dcbersetzung zu haben. Herausgegeben von Greil Marcus, der anderen Ikone des Rockjournalismus made in America, der Lester Bangs \u2013 \u201eeine Ein-Mann-Orgie der Hemmungslosigkeiten, Exzesse, Weisheiten, Satire, Parodie \u2013 das ausgelebte oder geschriebene schlechte Gewissen jeder Band, \u00fcber die er eine Kritik schrieb oder die er interviewte\u201c \u2013 gut kannte und sich nach dessen Tode durch Tausende, oft unver\u00f6ffentlichte Manuskript-Seiten las.<br \/>\nDas Ergebnis ist eine Tour-de-force durch die Eingeweide des \u2013 nicht nur amerikanischen \u2013 Rockzirkus. Man kann dieses Buch auf jeder einzelnen beliebigen Seite aufschlagen und ist sofort into it. Selbst wenn und gerade weil Rock\u2019n\u2019Roll meistens ja so richtig schei\u00dfe ist. Hinter den Kulissen, den Teenager-Tr\u00e4umen, den Images. Hinter den Backstage-T\u00fcren, wenn es gut geht. Oft genug schon davor.<br \/>\nLester Bangs: 1948 geboren, die Mutter beinharte Zeugin Jehovas, der Vater Trinker und fr\u00fch gestorben, als Kind missbraucht, exzessiver Comic-Leser und fr\u00fch ein Verehrer von Beatnik-Poeten und Free Jazz. Dann explodiert Rock.<br \/>\nAls Bangs 1969 seine erste Plattenkritik f\u00fcr den Rolling Stone schreibt, ein Verriss des MC 5-Albums \u201eKick Out The Jams\u201c (sp\u00e4ter findet er sie dann nicht mehr so schlimm, freundet sich gar mit ihnen an), ist \u2013 so schreibt er sp\u00e4ter \u2013 die beste Zeit eigentlich schon wieder vorbei. Schmockrock ist angesagt, Superstars, denen die absolute Leidenschaft abhanden gekommen ist, spielen in Stadien vor zugedr\u00f6hnten Kids. Rock\u2019n\u2019Roll ist ein durchkalkulierter Gesch\u00e4ftsbereich mit Kosten-Nutzen-Aufrechnungen geworden, getragen von m\u00f6glichst mehrheitsf\u00e4higen musikalischen Verflachungen. Lester Bangs\u2019 Verachtung f\u00fcr Zeitgeist-Stars wie Grand Funk Railroad oder die pomp\u00f6s-erstarrten Led Zeppelin zieht sich jahrelang quer durch seine Texte.<br \/>\nErst mit dem New Yorker CBGBs-Umfeld mit all den Ramones, Patti Smith\u2019, Blondies und vor allem mit der britischen Punk-Explosion kommt f\u00fcr Bangs wieder Leben in die Bude. Er begleitet The Clash f\u00fcr ein paar Tage auf Tour und erkl\u00e4rt sie prompt zur Antithese des saturierten Rockgesch\u00e4fts \u2013 aus heutiger Sicht sicher reichlich naiv; aber eben eine leidenschaftliche, besessene, ernsthafte Begeisterung, die die Widerspr\u00fcche nicht ausspart, wenn sie beschreibt, wie ein Fan der Band, die sich so Fan-nah gibt, grundlos zusammengeschlagen wird.<br \/>\nUngeschoren kommt bei Lester Bangs niemand davon, nicht die Musiker, die er interviewt oder rezensiert, nicht der Leser, der sich oft durch seitenlange, mitunter glatt zusammengelogene \u2013 oder besser: zusammenphantasierte \u2013 Assoziations-Tiraden k\u00e4mpfen muss, und obendrein dauernd beleidigt wird, wenn er denn Fan von Rockmusik ist \u2013 weil Bangs eben alles und jeden beleidigt, sogar (und vor allem), diejenigen, die ihm nahegehen, an denen er sich wieder und wieder abarbeitet, aufreibt. (Und selten war wohl ein K\u00fcndigungsgrund treffender, als der des Rolling Stone anl\u00e4sslich einer Rezension von Canned Heat 1971: Lester Bangs w\u00e4re nicht respektvoll genug gegen\u00fcber Musikern.) Schon gar nicht schont er sich selbst, beschreibt penibel Zweifel, Peinlichkeiten und die eigene Penetranz. Uncool zu sein ist seine Art, mit der Rockstar-Sph\u00e4re umzugehen, als Gro\u00dfmaul mit Intimkenntnis \u00fcber abseitige Bands und Drogenchemie. (Gro\u00dfartig zu lesen ist \u00fcbrigens seine Herleitung der sich anbahnenden Herrschaft der Maschinen \u00fcber die Rockmusik anhand der deutschen Erfindungen Amphetamin und Kraftwerk \u2013 eine Prophezeiung, die sich erst 15 Jahre sp\u00e4ter in Berliner Kellern erf\u00fcllte, als Techno zum Kultur- und Massenph\u00e4nomen wurde.)<br \/>\nBeim Rolling Stone rausgeflogen, geht er nach Detroit. Dort erscheint mit Creem das f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre wegweisende amerikanische Rockmagazin. Die Begriffe \u201ePunk Rock\u201c und \u201eHeavy Metal\u201c waren, so die Legende, hier erstmals nachzulesen. Creem begeistert sich fr\u00fch \u2013 fr\u00fcher als alle anderen \u2013 f\u00fcr das Abartige, einen neuen Underground, der sich mit seiner aggressiv ausgestellten H\u00e4sslichkeit vorerst noch Marketingmechanismen entziehen kann. Lester Bangs verk\u00f6rpert all das, was Creem ausmacht und was ein b\u00f6sartiger Leser trefflich zusammenfasst: \u201eWas f\u00fcr ein Typ Mensch schreibt bei Creem Rezensionen? Der Typ, der seine Bildung aus Comic-B\u00fcchern hat, seine Schlaghosen von Woolworth und seine Religion von Black Sabbath.\u201c<br \/>\n1983 \u2013 mit 33 \u2013 in einer Phase, in der er gerade weg war von Alkohol und Drogen, stirbt Lester Bangs zwar \u00fcberraschend aber irgendwie folgerichtig an einer Medikamenten-Unvertr\u00e4glichkeit. Zumindest musikhistorisch kein schlechter Zeitpunkt zum Abtreten f\u00fcr einen wie ihn, der schon Anfang der Siebziger vom st\u00e4ndigen Wiederk\u00e4uen des Dagewesenen angenervt war, und der mit dem puren Hedonismus von Disco nie etwas anzufangen vermochte.<br \/>\nWas bleibt, sind Texte, die heute noch genauso g\u00fcltig und spannend sind, wie damals. Auch, wenn man noch nie irgendwas von einer Garagenband Count Five und ihrem einzigen Hit \u201ePsychotic Reaction\u201c geh\u00f6rt hat. Und Greil Marcus hat nat\u00fcrlich recht: \u201eVielleicht verlangt dieses Buch dem Leser die Bereitschaft ab zu akzeptieren, dass der beste Schriftsteller Amerikas praktisch nichts au\u00dfer Plattenkritiken schreiben konnte.\u201c<br \/>\n<em>Augsburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rockkritik als Katharsis \u2013 die leidenschaftlichen Texte der Legende Lester Bangs Rezension zu &#8222;Lester Bangs: Psychotische Reaktionen und hei\u00dfe Luft&#8220;; Edition Tiamat, 400 S., 19,80 Euro; erschienen in Kreuzer Buchmesse-Beilage 03\/2009 Da sitzt also dieser ein wenig aufgeschwemmt wirkende Typ mit dem selbst nach zeitgen\u00f6ssischen Kriterien irgendwie l\u00e4cherlichem Schnauzbart vor einem Lou Reed mit \u201eteigiger &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/augeweb.de\/?p=106\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eParanoia, Amphetamine und Rock\u2019n\u2019Roll\u201c<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106"}],"collection":[{"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=106"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152,"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions\/152"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/augeweb.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}