{"id":162,"date":"2006-12-04T11:30:32","date_gmt":"2006-12-04T09:30:32","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=162"},"modified":"2009-10-04T11:30:55","modified_gmt":"2009-10-04T09:30:55","slug":"here-is-the-news-%e2%80%a6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=162","title":{"rendered":"Here is the news \u2026"},"content":{"rendered":"<p><strong>Inhalte, Inhalte, Inhalte! Und immer an den H\u00f6rer denken! MDR Sputnik erfindet sich neu<\/strong><\/p>\n<p><em>Erschienen in <a href=\"http:\/\/www.kreuzer-leipzig.de\" Target=\"_blank\">Kreuzer<\/a> 12\/2006<\/em><\/p>\n<p>Es ist m\u00e4chtig Betrieb im Hallenser Funkhaus. Zumindest in dem kleinen Teil, der Sputnik vorbehalten ist. Das \u201egl\u00e4serne Studio\u201c ist eigentlich nur ein erdgeschossiges Gro\u00dfraumb\u00fcro, vollgestopft mit Schreibtischen \u2013 eben musste die kleine Showcase-B\u00fchne f\u00fcr ein weiteres Paar weichen, nur die farbigen Scheinwerfer an der Decke zeugen noch von ihr. Angrenzende Miniproduktionsstudios gibts noch und einen Glaskasten f\u00fcr den Senderchef. Das ist seit ein paar Monaten Eric Markuse und daf\u00fcr, dass in wenigen Wochen bei Sputnik so ziemlich alles anders als bisher sein soll, wirkt der 44-J\u00e4hrige erstaunlich gelassen und frisch. <!--more-->\u00dcberhaupt: So beengt die Verh\u00e4ltnisse auch sein m\u00f6gen, so hektisch die Vorbereitungen f\u00fcr den Tag X \u2013 den 4. Dezember \u2013, die Endorphin-Aussch\u00fcttung scheint auf Hochtouren zu laufen. Sicher hat es auch was mit dem neuen, aufger\u00e4umt agierenden Chef zu tun, dass die Arbeit hier allen echten Spa\u00df zu machen scheint. Man k\u00f6nne sich das ja denken, wenn man Michael Schiewack kenne, den Ex-Chef, hei\u00dft es hinter gar nicht so vorgehaltener Hand. Ja, kann man, dessen ungehobelte Poltermanier ist schlie\u00dflich weit \u00fcber Sendergrenzen hinaus ber\u00fcchtigt. Schiewack, das Enfant terrible der mitteldeutschen Radioszene, ist seit Sommer nur noch f\u00fcr das zwar quotend\u00fcmpelnde aber Werbeeinnahmenflaggschiff MDR Jump zust\u00e4ndig. Und f\u00fcr einige Mitarbeiter weniger, die es prompt vorgezogen haben, ins Erdgeschoss zu wechseln, als handfest wurde, was Markuse mit der kleinen MDR Jugendwelle vorhat: vern\u00fcnftiges Radio machen.<br \/>\nReinhard B\u00e4renz zum Beispiel ist der Musikchef von Sputnik. Vorher war er Musikchef von Jump und Sputnik, ein augebuffter Profi, dem auch in den einschl\u00e4gigen Insider-Foren schon immer nachgesagt wurde, dass er das Dudeln doch irgendwann selbst nicht mehr ertragen k\u00f6nne, f\u00fcr das da er den Kopf hinhielt. Jetzt hat er seinen \u2013 vermutlich viel komfortableren \u2013 Schreibtisch bei Jump ger\u00e4umt, sitzt eingezw\u00e4ngt zwischen Computer, Bildschirmen, CD-Regal in einer kleinen Ecke im Gro\u00dfraumb\u00fcro und deutet ein wenig entschuldigend auf die Goldenen Schallplatten zweier mittelpr\u00e4chtig relevanter Teeniestars, die hinter ihm an der Wand lehnen. \u201eDie stammen noch von Jump.\u201c Mittelpr\u00e4chtig relevante Teeniestars passen nicht mehr so recht ins Profil des neuen Sputnik. \u201eEinen neuen Dreh\u201c verspricht er, \u201ejunge Bands, die man sonst nicht im Radio h\u00f6ren w\u00fcrde.\u201c Und tats\u00e4chlich: Schon seit einiger Zeit schleicht sich ein neuer Ton ins vormalige \u201eBlack, Hot &#038; Sexy\u201c-Schema, d\u00fcrfen die jungen Wilden, die noch vor Halbjahresfrist sogar bei der Leipziger Indiemesse Pop Up als Geheimtipp galten, die Rotation aufmischen. Mehr Titel, weniger Wiederholungen, breiter gef\u00e4chertes Musikformat \u2013 was B\u00e4renz referiert, klingt wie vom Wunschzettel des Musikradio-Liebhabers abgelesen. Vor allem das Zauberwort: \u201eMusikspezialsendungen\u201c. Die Renaissance der allabendlichen Entdeckungsfahrten durch neue Popmusik steht wie kaum etwas anderes f\u00fcr den Gegentwurf zu einem Radio, das durch die enthemmten Formatdogmen des letzten Jahrzehnts eine ganze Generation H\u00f6rer vertrieb. Die will sich Sputnik nun zur\u00fcckerobern.<br \/>\nUnd wenn man schon mal beim \u2013 nach bisher geltender Radiolehre \u2013 Tabubruch ist, dann aber gleich richtig. \u201eSputnik \u2013 Deine Nacht\u201c hei\u00dft die F\u00fcnf-Stunden-Schiene mit, so das Programmschema, \u201eH\u00f6rbuch, Nachtthriller, Literatur\u201c. Fast kindlich freut sich Markuse \u00fcber die ersten Skripte und H\u00f6rproben zur \u201eSputnik Bedarfsgemeinschaft\u201c, einer hausgemachten Comedy-H\u00f6rspiel-Soap, die den WG-Alltag der Generation Praktikum aufs Korn nimmt. Die neue Kernzielgruppe sozusagen, auch wenn Markuse das als arg verk\u00fcrzt zur\u00fcckweisen w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eJugendwelle\u201c \u2013 man kann sehen, wie schwer dem Wellenchef das \u00fcber die Lippen geht \u2013 jedenfalls will er auch nicht sein, pl\u00e4diert f\u00fcr den intelligenten H\u00f6rer ohne Altersbeschr\u00e4nkung, den \u201eTwentysomething\u201c, der auf DLF oder Figaro nicht die richtige Musik findet. Ein Anspruch, bei dem Quotenz\u00e4hler das Schlottern bekommen. Sputnik habe aber keine Vorgaben, versichert Markuse und hofft trotzdem auf den nicht unrelevanten Marktanteil, den der Sender zumindest in Halle erreicht, wo er \u00fcber Antenne problemlos zu empfangen ist. Es m\u00fcssen ja nicht unbedingt dieselben acht Prozent sein. Mit Verve breitet Markuse aus, wie er sich Radio vorstellt. Kaum zu glauben, dass derselbe Mann bis eben noch als \u201eMDR Unternehmenssprecher\u201c Stasi-Verstrickungen und Bestechungsskandale erkl\u00e4ren oder \u2013 eben \u2013 erbarmungslose Quotenhatz sch\u00f6nreden musste. Da hat man wohl jemand von den Fesseln gelassen, der im n\u00e4chsten Jahr eine ganze Menge f\u00fcr Image und Zukunft des MDR tun k\u00f6nnte.<br \/>\nDenn die Strategie ergibt Sinn. Immer mehr war der MDR in den letzten Jahren wahlweise als Blut-&#038;-Boden-Heimatfernsehen oder Dudelfunk-Vorreiter in die Schusslinie geraten und lieferte erstklassige Munition, um den Geb\u00fchrenanspruch des gesamten \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunksystems zu torpedieren. Auch die Politik ging zunehmend auf Distanz, neue Frequenzen im immer noch begrenzten \u00c4ther konnte man abschreiben, gar der eigene Rundfunkrat begann h\u00f6rbar zu n\u00f6rgeln. Ein frischer Wind tat also bitter not. Sputnik, die kleine, vergleichsweise billige und wendige Welle, k\u00f6nnte nun die Bresche schlagen. Als Vorzeige-Image-Projekt und in Realzeit funktionierendes Experimentierfeld f\u00fcr die Zukunft des Radios, gerade hinsichtlich auf die \u201eneuen Ausspielwege\u201c \u2013 wie die Herausforderung Internet im Fachjargon schn\u00f6de benannt wird. Sputnik will hier ausloten, was inhaltlich und \u2013 die Grenzen sind bisher eng gesteckt \u2013 rechtlich machbar ist. Ein Erfolg oder Misserfolg des Sputnik-Experiments betrifft also nicht nur mittelbar die gesamte Senderkette. Den MDR-H\u00f6rer sowieso. Der darf sich jetzt erstmals auch unter vierzig ernst genommen f\u00fchlen.<br \/>\nDas f\u00e4ngt mit den Nachrichten an. \u201eDie ganze Welt in zwei Minuten\u201c \u2013 beim bisherigen Sputnik-News-Slogan verzieht Markuse wieder ein bisschen das Gesicht \u2013 soll Vergangenheit sein. Einen echten Profi hat man sich von MDR Info dauerausgeliehen. Der muss den bis dato fachm\u00e4nnisch eher unbedarften Sputnikmachern erst mal das R\u00fcstzeug beibringen, wie man News schreibt, worauf es bei Beitr\u00e4gen ankommt oder auch, welchen der zahlreichen seri\u00f6sen ARD-Weltkorrespondenten man auf eine im Umgangston doch eher nicht steifbeinige H\u00f6rerschaft loslassen darf.<br \/>\nImmmerhin, es gilt, allt\u00e4glich zwei ganze Stundenbl\u00f6cke mit \u2013 f\u00fcr bisherige Verh\u00e4ltnisse unerh\u00f6rten \u2013 40 Prozent Wortanteil zu tagesaktuellen Themen zu f\u00fcllen. Und \u201erichtige\u201c Nachrichten sollen es st\u00fcndlich sein, f\u00fcnf Minuten lang, weg vom H\u00e4ppchen, nicht nur pseudoinformativ, professionell gemacht obendrein. Die Gretchenfrage dazu hei\u00dft: \u201eMusikbett?\u201c An dem mehr oder weniger diskreten Pl\u00e4tschersound unter dem gesprochenen Wort scheiden sich seit jeher die Geister. Lange habe man diskutiert und ja, es wird ein Musikbett geben. \u201eAber es ist wundersch\u00f6n!\u201c Sogar das nimmt man Markuse ab, wenn sich dieses spitzb\u00fcbische Glitzern in seine Augen schleicht.<br \/>\nImmer mal ein bisschen zur\u00fcckrudern muss er in all der Euphorie und Erwartungen d\u00e4mpfen. Das gehe nat\u00fcrlich alles nicht von jetzt auf gleich, das werde noch eine gute Weile dauern, bis alles klappt, alles so ist, wie es sein soll. Und offen ist bisher ohnehin, ob sich das dann wirklich jemand anh\u00f6rt, ob die MDR-Entscheider gut finden, was Sputnik treibt, oder ob die Ank\u00fcndigungen nicht doch schlicht zu gro\u00df geraten sind.<br \/>\nAber manchmal sind es ja gerade die kleinen Dinge, die sich als Geheimwaffe entpuppen. Markuse hat eine parat: Am Mittag gibts die Nachrichten in lupenreinem Cambridge-Englisch. Einfach so. Noch ein Experiment. Eine Idee, die beim Besuch in Wien geboren wurde, wo mit dem ORF-Radio FM4 so etwas wie ein Vorbild f\u00fcr das neue Sputnik sendet. Was dort urspr\u00fcnglich als wettbewerbsverhindernder Klotz am Bein eines frischen Sendekonzepts gedacht war \u2013 der Zwang, gro\u00dfe Teile des Programms in Englisch zu moderieren \u2013, entwickelte sich als attraktives Alleinstellungsmerkmal. Wie die Moderatoren munter parlierend unvermittelt zwischen Englisch und Wienerisch wechseln, hat einen ganz besonderen Charme. Einen Hinh\u00f6rer verspricht sich Markuse nun auch hierzulande und vergisst nicht, den cleveren p\u00e4dagogischen Effekt zu erw\u00e4hnen, den englisch gesprochene Nachrichten aus der Heimat vielleicht haben k\u00f6nnten. Weltoffenheit made in Halle, wer h\u00e4tte sich das vor Halbjahresfrist vorstellen k\u00f6nnen?<br \/>\n<em>Augsburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inhalte, Inhalte, Inhalte! Und immer an den H\u00f6rer denken! 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