{"id":167,"date":"2004-10-04T11:47:26","date_gmt":"2004-10-04T09:47:26","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=167"},"modified":"2009-10-04T11:47:57","modified_gmt":"2009-10-04T09:47:57","slug":"harmonien-fur-wohnzimmer-und-industriebrachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=167","title":{"rendered":"Harmonien f\u00fcr Wohnzimmer und Industriebrachen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leipzig ist ein Magnet f\u00fcr die deutsche Deep House-Szen<\/strong>e.<br \/>\nvon J\u00f6rg Augsburg<\/p>\n<p><em>Erschienen in Z\u00fcrcher Tagesanzeiger 10\/2004<\/em><\/p>\n<p>Die Spiegelkugel l\u00e4sst farbige Lichtpunkte \u00fcber W\u00e4nde und G\u00e4ste tanzen, ab und an verwandelt die Nebelmaschine den Dancefloor in ein schemenhaft-buntes Gewaber, Videofetzen zucken \u00fcber den K\u00f6pfen. DJ Matthias Tanzmann \u2013 der hei\u00dft wirklich so \u2013 legt eine schwarze Scheibe um die andere auf, l\u00e4sst die Tracks ineinander flie\u00dfen und erzeugt so den f\u00fcr ihn typischen Sog aus mal dezent tackernden, mal konkret wummernden Beats, minimalistischen Soundschleifen, fragil schimmernden Melodien, einem Hauch Jazz, Discoeinsprengseln und immer wieder \u00e4u\u00dferst warmherzigen Basslines. So klingt Deep House. <!--more-->Es ist der letzte Samstag im Monat und in Leipzigs \u201eDistillery\u201c finden die \u201eMoon Harbour Label Flights\u201c regen Zuspruch. Die \u201eDistillery\u201c verdankt ihren Namen einer stillgelegten Brauerei, wo die Geschichte des Leipziger Vorzeigeclubs vor 12 Jahren begann. Deep House ist der Sound, f\u00fcr den Leipzig derzeit auch international gesch\u00e4tzt wird, Matthias Tanzmann ist die Galionsfigur des sanft gewachsenen Trends, f\u00fcr den DJs und Produzenten wie Frankman, Mille &#038; Hirsch oder Marlow stehen.<br \/>\nGl\u00fccklich ist Tanzmann mit dem Etikett \u201eDeep House\u201c eigentlich nicht: \u201eIch finde das ein wenig irref\u00fchrend, weil man oft nur diesen eigentlich sehr ruhigen, melodi\u00f6sen Sound drunter versteht. Aber das ist es ja nicht allein, es soll ja auch tanzbar sein.\u201c Beides funktioniert. W\u00e4hrend DJs mit beatlastigeren Singles f\u00fcr den Dancefloor bedient werden, bieten Alben die Alternative zum H\u00f6ren f\u00fcr daheim. Gerade Tanzmanns Duo-Projekt Gamat 3000 k\u00f6nnte mit seinen ausgefeilt inszenierten Klanglandschaften den perfekten Designerwohnzimmer-Soundtrack liefern. Daniel Scholz, sein Partner, machte \u00fcbrigens erstmals mit einem \u201eHands On Yello\u201c-Remix f\u00fcr die schweizerischen Althelden der elektronischen Popmusik auf sich aufmerksam.<br \/>\nMan sieht der chic hergerichteten, sch\u00f6n kompakten City nicht an, dass Leipzig zu jenen \u201eShrinking Cities\u201c z\u00e4hlt, die mit Schrumpfungsprozessen erheblich belastet sind. So pr\u00e4gen Industriebrachen das Stadtbild. Wie im Fall \u201eBaumwollspinnerei\u201c, in jenem Stadtteil Plagwitz, dem Anfang der Neunziger in atemberaubend kurzer Frist die Industrie abhanden gekommen ist. Die Geb\u00e4ude stehen bis heute, K\u00fcnstler haben sich hier angesiedelt, kleine Szenegewerbe und mit der \u201eTangofabrik\u201c gibts eine der sch\u00f6nsten Locations der Stadt. Frankman findet man hier regelm\u00e4\u00dfig, eine Insider-Ikone, wegen dessen Platten Leipzig schon mal zum Deep House-Wallfahrtsort ausgerufen wird. Andreas Greiner hei\u00dft der ganz b\u00fcrgerlich und seine Br\u00f6tchen verdient er mit braven 40 Stunden pro Woche im \u00f6ffentlichen Dienst. Die schlichte Eleganz seiner Musik ist bei Liebhabern legend\u00e4r. Kaufen kann man sie gleich unweit der \u201eTangofabrik\u201c. Hier hat sich der Record Store \u201eschallrausch.com\u201c zum wichtigsten Anlaufpunkt f\u00fcr House-DJs der Region etabliert.<br \/>\nDie gute alte Schallplatte ist in Leipzig sowieso alles andere als ein verblichener Mythos. Standortwechsel in den Osten Leipzigs, unweit der City: \u201eGrafisches Viertel\u201c hei\u00dft stadtpolitisch zweckoptimistisch immer noch, wo mal das Herz der deutschen Buchstadt schlug. \u201eInterdruck\u201c war ein Renommiername der DDR-Buchindustrie mit Sitz in der G\u00f6schenstra\u00dfe. Benannt ist die nach dem ersten Goethe-Verleger. Aber die Adresse kennen heute eigentlich nur noch junge Nachtschw\u00e4rmer, die in der halblegalen \u201eGalerie Interdruck\u201c regelm\u00e4\u00dfig gut besuchte Partys feiern. Und jene, die als DJ oder Liebhaber immer noch auf eine buchst\u00e4blich gestanzte Rille schw\u00f6ren. Denn hier findet sich auch das Vinylplatten-Presswerk \u201eR.A.N.D. Muzik\u201c.<br \/>\nSchwere Handarbeit ist das Plattenpressen und verlangt obendrein ein Geheimwissen um etliche Dutzend chemischer Vorg\u00e4nge und die physikalischen Feinheiten einer Vinyl-Rille. Sowieso gut, wenn man Maschinenbau studiert hat, schlie\u00dflich sind die Ger\u00e4te praktisch uralt, werden heute nicht mehr hergestellt. Ein trotziger Treppenwitz der j\u00fcngeren deutschen Musikgeschichte ist diese kleine Manufaktur: W\u00e4hrend die gro\u00dfen Musikkonzerne ihre Presswerke verschrotteten, weil Vinyl hoffnungslos gestrig schien, suchten vier junge Leipziger in ganz Osteuropa ihre Grundausstattung zusammen. Jetzt hat man in hier alle H\u00e4nde voll zu tun.<br \/>\nNicht zuletzt die Region selbst sorgt daf\u00fcr. An der Fachhochschule in Schmalkalden, einem kleinen malerischen Touristen-St\u00e4dtchen im Th\u00fcringer Wald, haben die \u201eR.A.N.D.\u201c-Presser studiert und kennen von daher die Macher des gleichnamigen Labels. In Jena, das liegt knappe anderthalb Autostunden von Leipzig entfernt, residiert das rege \u201eFreude Am Tanzen\u201c-Label. Schmalkalden, Jena, Leipzig \u2013 das \u201eBermuda-Dreieck des deutschen Deep House\u201c nannte das die renommierte Musikzeitschrift \u201eDe:Bug\u201c mal. Die Kreise schlie\u00dfen sich, wenn sich alle im Mai auf der \u201eLeipzig Pop Up\u201c treffen, einer j\u00e4hrlichen Messe f\u00fcr Independent-Labels aller Stile. Deep House findet dann in der \u201eDistillery\u201c genauso statt wie im spektakul\u00e4r uralten, morbiden Kinosaal \u201eUT Connewitz\u201c, vor wenigen Jahren als stimmungsvolle B\u00fchne wiederentdeckt.<br \/>\nDer Trend geht sowieso weg vom eigentlichen Club. Weil Deep House eben auch als ideale \u2013 wenn auch intelligent verspielte \u2013 Background-Musik taugt, legen die DJs immer \u00f6fter in einschl\u00e4gigen Szenebars auf. \u201eBesonders nett ist das Cortex\u201c, bescheinigt Tanzmann seiner Lieblingsbar, \u201eda passt unsere Musik am besten hin\u201c. Ein wenig unterk\u00fchlt stylish geht es hier zu, mit dem Willen zum eigenwilligen Design, aber alles andere als clean oder abweisend. Eben irgendwie genauso warmherzig, wie Deep House im Grunde klingt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leipzig ist ein Magnet f\u00fcr die deutsche Deep House-Szene. von J\u00f6rg Augsburg Erschienen in Z\u00fcrcher Tagesanzeiger 10\/2004 Die Spiegelkugel l\u00e4sst farbige Lichtpunkte \u00fcber W\u00e4nde und G\u00e4ste tanzen, ab und an verwandelt die Nebelmaschine den Dancefloor in ein schemenhaft-buntes Gewaber, Videofetzen zucken \u00fcber den K\u00f6pfen. 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