{"id":170,"date":"2004-11-04T12:03:10","date_gmt":"2004-11-04T10:03:10","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=170"},"modified":"2009-10-04T12:03:29","modified_gmt":"2009-10-04T10:03:29","slug":"auf-berufsjugendlicher-zu-machen-war-nie-unser-ding","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=170","title":{"rendered":"Auf Berufsjugendlicher zu machen, war nie unser Ding"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit der Leipziger Band Die Prinzen<\/p>\n<p><em>Erschienen in S\u00e4chsische Zeitung 11\/2004<\/em><\/p>\n<p>An den Litfasss\u00e4ulen sind sie derzeit nicht zu \u00fcbersehen, am Montag erscheint ihr neues Album \u201eHardchor\u201c und gerade stecken sie in den Proben f\u00fcr eine ausgedehnte Deutschlandtour \u2013 Die Prinzen sind aktiver denn je. Ein Interview mit Sebastian Krumbiegel und Henry Schmidt. <!--more--><\/p>\n<p><strong>Jetzt mal ehrlich: Wie schmeckt \u201eFreiberger\u201c?<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Es ist das beste Bier, was ich jemals getrunken habe! (lacht)<\/p>\n<p><strong>Gibts denn Handreichungen von der Brauerei, was ein \u201eFreiberger\u201c-Werbetr\u00e4ger im Idealfall sagen sollte?<\/strong><br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> \u201eS\u00e4chsisch k\u00f6stlich!\u201c Den Slogan haben wir von Gunter Emmerlich \u00fcbernommen. Man muss aber sagen, die Leute sind sehr entspannt. Wir haben mit denen auch schon \u201eBeck\u2019s\u201c getrunken, weil nichts anderes da war. Es ist also nicht so, dass wir jetzt nie wieder etwas anderes trinken d\u00fcrfen. Aber nat\u00fcrlich ist man dem Partner gegen\u00fcber loyal. <\/p>\n<p><strong>Auf eurer neuen Single gibt es ausgerechnet einen \u201eWodka Mix\u201c. Das ist jetzt aber nicht sehr loyal.<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Der ist entstanden, als Tobias im Studio irgendwann einfach mal anfing, russisch zu singen, weil er den Text vergessen hatte. Also so ein Pseudo-Russisch, bei dem wir uns alle weggeschmissen haben. <\/p>\n<p><strong>Habt ihr euch Gedanken gemacht, ob ihr \u00fcberhaupt f\u00fcr Alkohol Werbung machen solltet?<\/strong><br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> Das war schon einiges Hin und Her, ob wir das machen k\u00f6nnen, gerade weil wir immer noch auch j\u00fcngeres Publikum ansprechen. Unter dem Strich fanden wir es aber okay. \u201eFreiberger\u201c geh\u00f6rt ja zu einer Brauereifamilie die auch Leute wie Heiner Lauterbach und Ben Becker unter Vertrag hat. Da f\u00fchlen wir uns ganz gut aufgehoben.<br \/>\nEs hat nat\u00fcrlich auch den Hintergrund, dass unsere allergr\u00f6\u00dften Glanzzeiten mit millionenfach verkauften Alben ja schon ein paar Jahre zur\u00fcck liegen. Was nat\u00fcrlich mit dem sowieso ver\u00e4nderten Musikmarkt zusammenh\u00e4ngt. Als uns die Leute damals die Bude eingerannt sind wegen irgendwelcher Werbevertr\u00e4ge, wollten wir das nicht, da hatten wir gar keine Meinung dazu. Und irgendwann schien es f\u00fcr uns alte S\u00e4cke damit vorbei zu sein. Aber es ist eben nicht vorbei!<br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Man hat in Deutschland immer das Gef\u00fchl, sich f\u00fcr so etwas entschuldigen zu m\u00fcssen. Dieses Gef\u00fchl versuchen wir abzustreifen. Wir sind stolz drauf, dass die uns ausgew\u00e4hlt haben. Zumal es ja ein Geben und Nehmen ist. Ich seh das auch als eine Art Kultursponsoring, das sorgt daf\u00fcr, dass die Karten auf unserer Tour nicht so teuer sind. <\/p>\n<p><strong>Eure Tour f\u00fchrt diesmal durch die Opern-, Theater- und Konzerth\u00e4user. Geht man da anders heran als bei einer \u201enormalen\u201c Tour?<\/strong><br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> Das war diesmal etwas ganz anderes. Normalerweise macht man ein Album und plant dann die Tour. Wir hatten letztes Jahr eine Benefizveranstaltung im Dessauer Theater und das war innerhalb weniger Wochen ausverkauft. Und tats\u00e4chlich sa\u00dfen dann die Annz\u00fcge und Abendkleider im Saal, w\u00e4hrend wir gesungen haben. Das war eigentlich der Ansto\u00df, so m\u00fcsste man mal auf Tour gehen: Alle sitzen, keiner raucht.<br \/>\nEs ist dann aber auch eine neue Herausforderung, die Leute zwei Stunden zu unterhalten, ohne jetzt st\u00e4ndig von rechts nach links zu h\u00fcpfen. Und wieder von links nach rechts. Man muss da ein bisschen umdenken. Und das wirkte dann alles sogar auf das neue Album zur\u00fcck, das wir ja akustisch aufgenommen haben. <\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck zu den Thomaner-Wurzeln also?<\/strong><br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> Vieles bei den Prinzen basiert auf mehrstimmigem Satzgesang, den wir nun mal neun Jahre lang jeden Tag zwei Stunden gelernt haben. Da bleibt Einiges h\u00e4ngen. Von daher kann man das sicher so sehen. Aber es ist eben nicht Thomaner-Chor.<br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Das klingt immer so sch\u00f6n, wenn man sagt: \u201eBack to the roots!\u201c Nat\u00fcrlich ist Singen mehr unsere St\u00e4rke, als Sequenzer rattern zu lassen. Aber ich finde, auch das neue Album rockt an einigen Stellen ganz sch\u00f6n. Du kannst auch mit akustischen Instrumenten Rock\u2019n\u2019Roll spielen. Balladen, a-capella \u2013 wunderbar! Aber im Tiefsten unserer Herzen m\u00f6gen wir Rock\u2019n\u2019Roll, m\u00f6gen wir, wenn es knallt. <\/p>\n<p><strong>Aber ein bisschen weniger jugendhaft gehts dann doch zu, oder?<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Wir wundern uns manchmal selbst \u00fcber uns, was wir auf der B\u00fchne manchmal f\u00fcr Schwachsinn erz\u00e4hlen. Da k\u00f6nnen wir auch gar nicht anders. Aber nat\u00fcrlich sind wir erwachsener als vor 15 Jahren, auch, wenn wir immer noch ein wenig Chaoten sind. Ich bin immer peinlich ber\u00fchrt, wenn ich Leute treffe, die ich von vor 15 Jahren kenne, und die mit 35 immer noch in irgendwelchen finsteren Kellern sitzen und \u201eAnarchie!\u201c schreien. Wir sind fast 40, Familienv\u00e4ter, da sind die Werte ganz anders. Du \u00fcbernimmst Verantwortung, du bist ein anderer Typ als mit 20. Einen auf Berufsjugendlicher zu machen, war nie unser Ding. Wir sind so albern wie wir sind \u2013 aber auch so ernsthaft. <\/p>\n<p><strong>\u201eUnsicherheit macht sich breit\u201c, singt ihr auf eurer eben erschienen Single. Da f\u00e4llt der Eindruck zwischen albern und ernsthaft nicht gerade eindeutig aus. <\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Das versuchen wir auch, den Leuten zu \u00fcberlassen, wie die das sehen wollen. Ich finde es bescheuert, wenn man immer was erkl\u00e4ren muss. Wir haben mal gesungen: \u201eWei\u00df du eigentlich, was Popmusik kann? Sie ist tanzbar und regt zum Nachdenken an.\u201c Das ist, glaube ich, ein bisschen unser Credo. Das steht uns auch gut zu Gesicht, weil wir halt denkende Menschen sind. Auch politisch denkende Menschen.<br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> Ich wei\u00df gar nicht, ob \u201eUnsicherheit\u201c ein politisches Lied ist. Aber es ist schon eine ironische Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft. Es wird \u00fcberall gejammert und man merkt ja auch, wie viele Leute um ihren Arbeitsplatz k\u00e4mpfen. <\/p>\n<p><strong>Ihr singt auf dem Album \u201eHardchor\u201c auch die Zeile: \u201eWir gehen Hand in Hand f\u00fcr diese Nation.\u201c Daf\u00fcr w\u00fcrden andere Bands gesteinigt werden. <\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Ja. Deswegen haben wir es auch gesungen. Ich glaube, man kann das aus unserem Mund aber richtig interpretieren. Dass wir als Deutsche uns auf unsere kulturellen Wurzeln besinnen. Unsere Kultur hat ja mit den Nazis aufgeh\u00f6rt, weil unsere besten Leute umgebracht wurden oder abgehauen sind. Marlene Dietrich, Comedian Harmonists, da sehe ich unsere Wurzeln als Popmusiker. Ich glaube, dass uns diese Kultur gut zu Gesicht steht. Nicht im revanchistischen Sinne, als \u201eWir sind die Gr\u00f6\u00dften\u201c, sondern als Besinnung auf das Positive an unserer Geschichte.<\/p>\n<p><strong>In eurer Heimatstadt Leipzig haben 5,6 Prozent NPD gew\u00e4hlt, f\u00fcr gesamts\u00e4chsische Verh\u00e4ltnisse ein geradezu guter Wert \u2026<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Das ist peinlich. Wir haben ja nie ein Hehl daraus gemacht, dass wir mit so einer Sache \u00fcberhaupt nichts anfangen k\u00f6nnen. Mir stinkt das einfach. Gerade was jetzt wieder abgegangen ist bei der Ministerpr\u00e4sidentenwahl in Dresden, mit den zwei Stimmen zuviel f\u00fcr den NPD-Kandidaten. Das \u201eVolk\u201c wird ger\u00fcgt und ermahnt, weil es so rechtsradikal w\u00e4hlt. Und dann sitzen da \u201eVolksvertreter\u201c, die das auch unterst\u00fctzen. Die haben doch den Schuss nicht geh\u00f6rt! Und man muss nicht besonders intelligent sein, um sich gegen sowas wehren zu wollen, wehren zu m\u00fcssen.<br \/>\nEs war \u00fcbrigens f\u00fcr die Leute von \u201eFreiberger\u201c auch wichtig, dass wir in dieser Sache einen klaren Standpunkt haben, eine klare Meinung. <\/p>\n<p><strong>Dann d\u00fcrfte \u201eFreiberger\u201c ja jetzt einen m\u00e4chtigen Umsatzeinbruch in der S\u00e4chsischen Schweiz erleben.<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Das k\u00f6nnte sein. Das haben sie uns sogar gesagt: Wenn die zehn Prozent uns nicht kaufen, dann eben die anderen 90 vielleicht umso mehr. Auch, wenn es nat\u00fcrlich Unsinn ist, das so aufzuschl\u00fcsseln. Aber f\u00fcr mich war das schon interessant, dass das f\u00fcr die so ein wichtiges Thema ist. <\/p>\n<p><strong>Themawechsel, von einer Krise zur n\u00e4chsten \u2026<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Musikindustrie!<br \/>\n<strong>\u2026 Eure Plattenfirma, die BMG, fusioniert mit Sony, alle zusammen sind dann in M\u00fcnchen und eure Berliner Abteilung existiert pl\u00f6tzlich nicht mehr.<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian<\/strong>: Das hat uns Karl Marx schon in der Schule erz\u00e4hlt, da haben wir noch gelacht. Die Gro\u00dfen fressen die Kleinen und am Ende wird es nur noch eine Firma geben. Das ist schon ein Trauerspiel. Aber was solls. Was lernen wir eigentlich daraus? Dass wir unser Ding machen sollten. Dass wir viel live spielen.<br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> F\u00fcr Musiker ist es jetzt definitiv wichtiger, live zu spielen. Wir haben f\u00fcr uns verinnerlicht, dass heutzutage eine Art Luxus ist, ein schickes Album zu machen. Immerhin haben wir wenigstens vor kurzem noch einen guten Plattenvertrag ausgehandelt. Der w\u00e4re heute so nicht mehr m\u00f6glich. <\/p>\n<p><strong>13 Jahre Die Prinzen: Kann man da noch miteinander?<\/strong><br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Es w\u00fcrde gar nicht funktionieren, wenn wir aneinander leiden w\u00fcrden. Wir funktionieren auf der B\u00fchne wunderbar und wir haben alle unser eigenes Leben. Das ist auch sehr wichtig, dass jeder sich zur\u00fcckziehen kann, bei seiner Family sein Ding macht. Obwohl es schon witzig ist. Wenn du auf der Stra\u00dfe erkannt wirst, ist gleich die zweite Frage: Wo sind denn die anderen?<br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> Wir sind halt auch jahrelang extrem als Gruppe wahrgenommen worden.<br \/>\n<strong>Sebastian:<\/strong> Ob wir Freunde sind oder nicht, dass ist ja irgendwie immer die gro\u00dfe Frage. Aber ich glaube, wir sind schon ganz automatisch Freunde. Mit H\u00f6hen und Tiefen und allem, was dazu geh\u00f6rt. Wir geh\u00f6ren zusammen und jeder wird sein Leben lang \u201eder von den Prinzen\u201c sein.<br \/>\n<strong>Henry:<\/strong> Es muss nat\u00fcrlich Freir\u00e4ume geben, das stellt man eben fest nach 13 Jahren. Wir k\u00f6nnen nicht alle immer \u00fcber alles eine Meinung haben. Wir sind ein demokratischer Haufen. Naja, mehr Haufen als demokratisch. (lacht)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit der Leipziger Band Die Prinzen Erschienen in S\u00e4chsische Zeitung 11\/2004 An den Litfasss\u00e4ulen sind sie derzeit nicht zu \u00fcbersehen, am Montag erscheint ihr neues Album \u201eHardchor\u201c und gerade stecken sie in den Proben f\u00fcr eine ausgedehnte Deutschlandtour \u2013 Die Prinzen sind aktiver denn je. 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