{"id":173,"date":"2008-04-04T12:11:31","date_gmt":"2008-04-04T10:11:31","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=173"},"modified":"2009-10-04T12:12:27","modified_gmt":"2009-10-04T10:12:27","slug":"soul-stars-on-45","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=173","title":{"rendered":"Soul Stars On 45"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eSoul Symphony\u201c im Alten Schlachthof Dresden<\/strong><br \/>\nvon J\u00f6rg Augsburg<\/p>\n<p><em>F\u00fcr Die Welt 04\/2008<\/em><\/p>\n<p>\u201eMDR Sputnik\u201c \u2013 Hallenser Erbe des vormaligen Ostberliner Kultsenders &#8222;DT 64&#8220; \u2013 ist seit anderthalb Jahren der Fu\u00df der Anstalt in der T\u00fcr zur neuen Medienwelt. Das Rezept ist simpel: Ein vergleichsweise junges Team hat R\u00fcckendeckung und Narrenfreiheit, macht Radio mit guter Popmusik und hohem Wortanteil. Ein Platz zum Ausloten der Option \u201eNeue Medien\u201c und nicht zuletzt ein Lichtblick in Hinsicht anschwellender Diskussionen \u00fcber H\u00f6rer-Nachwuchs, \u00f6ffentlich-rechtlichen Programmauftrag und Geb\u00fchren. Dass nun ausgerechnet \u201eSputnik\u201c Hand ans gehobene Kulturgut \u201eMDR Sinfonieorchester\u201c legen darf, ist eine gar nicht so krude Idee. <!--more--><br \/>\nDessen Chefdirigent Jun M\u00e4rkl ist kein b\u00e4rbei\u00dfiger Maestro aus dem Abschreckungsportfolio der Hochkultur. Er h\u00fcpft vor Freude auf dem Podium, verf\u00fcgt \u00fcber ein schelmisches L\u00e4cheln und gibt in Aktion und im legeren Hemd ein auch f\u00fcr J\u00fcngere durchaus attraktives Bild ab.<br \/>\nPopmusik und Orchester \u2013 das kommt schnell in den Geruch der penetranten Kulturhuberei oder der billigen Anbiederung an jeweils neue Zielgruppen. Beim Philly-Soul liegt die Sache ein bisschen anders. Ohne opulente Streicherarrangements w\u00e4re er schlicht undenkbar, sie sind das Markenzeichen des Sounds aus Philadelphia, der in den Siebzigern seine gro\u00dfen Hits hatte. Bis heute greifen R\u2019n\u2019B- und HipHop-Stars auf Philly-Experten wie Produzenten-Institution Larry Gold zur\u00fcck, wenn sie sich einen kompetenten Streichersound w\u00fcnschen. Warum sollte das nicht auch mit einem ganzen Sinfonieorchester funktionieren?<br \/>\nDas, einen vermutlich \u00fcberzeugenden Scheck und S\u00e4ngerin Joy Denalane \u2013 ihr Album \u201eBorn &#038; Raised\u201c wurde 2006 in Philadelphia produziert \u2013 hatte der \u201eSputnik\u201c-Musikchef Rainhard B\u00e4renz vorzuzeigen, als er in Amerika anrief. Mit Tweet, Bilal und Dwele waren schnell drei weitere erstklassige Soulstimmen gefunden, die man gerade noch guten Gewissens als Stars bezeichnen darf. Philly-Soul hatte zur Jahrtausendwende mit S\u00e4ngern wie D\u2019Angelo oder eben Bilal noch einen kleinen Schub unter dem Etikett Neo-Soul \u2013 heute dominiert technisch aufgemotzter Pop-R\u2019n\u2019B \u00e0 la Beyonc\u00e9 den Musikmarkt. In Europa kennt man unter diesem Etikett gar Amy Winehouse oder Duffy, in deren Video smarte Fred Perry-Kids tanzen.<br \/>\nNun also die &#8222;Dresden Soul Symphony&#8220;: Ein Experiment ist sie vor allem f\u00fcr die Beteiligten und in der Tat ein umwerfendes Klangerlebnis, bei dem ein 130-k\u00f6pfiges, gut eingespieltes Sinfonieorchester samt &#8222;Kinderchor&#8220; (der sich bei dieser Gelegenheit als anderthalb Dutzend adretter Girlies entpuppt) die denkbar gr\u00f6\u00dfte und pr\u00e4ziseste Backingband abgibt. Elektrischer Funk-Bass und herk\u00f6mmliche Drums dominieren letztendlich die Struktur. Immmerhin: Ein eindrucksvolleres \u201eThe Sound Of Philadelphia\u201c \u2013 Larry Gold war damals als Cellist dabei, als der Inbegriff des damaligen Philly-Sounds 1974 weltweit in die Charts kam \u2013 ist kaum vorstellbar, die Sinfoniker selbst lassen sich von der Begeisterung anstecken.<br \/>\nN\u00fcchtern betrachtet ist das als \u201eSinfonie\u201c gehandelte Werk trotz sauberer Durchdeklination der klassischen Begrifflichkeiten eine hochklassige Nummernrevue, eine Art \u201eSoul Stars On 45\u201c f\u00fcr nicht ganz so kulturbildungsferne Schichten. Zeit f\u00fcr mehr sei nicht gewesen, lassen Larry Gold und sein Schwiegersohn-Mitstreiter Daniel Felsenfeld wissen, und machen damit klar, dass sie weniger Kompositions- als Arrangeurswerk abgeliefert haben. Aber die Profis wissen, wie man ein Publikum dran kriegt. Im Adagio zeigen Orchester und Vokalisten, dass sie ordentlich Breitwand k\u00f6nnen, das Scherzo wird der Mitklatschblock und zum Finale gibt\u2019s nochmal reichlich Gelegenheit f\u00fcr Begeisterungsjuchzer. Dass Soul auch eine verbitterte, kaputte, drogen-schwangere, schwarze Seele hat, erf\u00e4hrt man von diesem Happening naturgem\u00e4\u00df nicht.<br \/>\nTrotzdem: Ein bemerkenswertes Ereignis ist es allemal. Eines, f\u00fcr das man vielleicht ganz gern Geb\u00fchren zahlt. Das allein ist ja schon eine Menge wert beim MDR.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eSoul Symphony\u201c im Alten Schlachthof Dresden von J\u00f6rg Augsburg F\u00fcr Die Welt 04\/2008 \u201eMDR Sputnik\u201c \u2013 Hallenser Erbe des vormaligen Ostberliner Kultsenders &#8222;DT 64&#8220; \u2013 ist seit anderthalb Jahren der Fu\u00df der Anstalt in der T\u00fcr zur neuen Medienwelt. 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