{"id":179,"date":"2000-06-04T12:21:07","date_gmt":"2000-06-04T10:21:07","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=179"},"modified":"2009-10-04T12:22:31","modified_gmt":"2009-10-04T10:22:31","slug":"unter-schwarzer-flagge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=179","title":{"rendered":"Unter schwarzer Flagge"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf dem rechten Weg: Die dunklere Seite der Wave-Gothic-Szene<\/strong><br \/>\nvon J\u00f6rg Augsburg<\/p>\n<p><em>Erschienen in <a href=\"http:\/\/www.mdr-online.de\" Target=\"_blank\">MDR online<\/a> 06\/2000<\/em><\/p>\n<p>Man nannte sie Grufties, Knochenlutscher, Schwarzkittel. Die Reaktionen auf die Wave-Gothic-Szene pendelten lange zwischen mitleidigem Bel\u00e4cheln und h\u00e4mischem Verlachen. Trotzdem wuchs sie in den letzten Jahren stetig, bietet ihren Anh\u00e4ngern inzwischen eine erstaunliche Anzahl an Zeitschriften, spiegelt sich zunehmend in der \u201enormalen\u201c Musikpresse wider und hat sogar den Sprung in Hitparaden und Musikfernsehen geschafft. <!--more-->N\u00f6tig war dazu allerdings erstmal der Umweg \u00fcber die Einverleibung der verschiedensten Musikrichtungen. Bis heute ist unter der schwarzen Flagge so zusammengewachsen, was urspr\u00fcnglich nicht zusammenpasste.<\/p>\n<p>Angefangen hatte es in den sp\u00e4ten Siebzigern. Der musikalische Umsturz des Punk hinterlie\u00df tiefe Spuren in der britischen Musik. Nachfolgeszenen \u2013 wie eben die Gothics \u2013 bildeten sich heraus. Bands wie Bauhaus, Siouxsie And The Banshees oder Joy Division verk\u00f6rperten die d\u00fcstere Seite des Rock, schufen verst\u00f6rende, hypnotisch gebremste Songs, die allesamt ein morbides Grundkonzept von kultivierter Depression und Weltschmerz \u00e4sthetisierten. Musikalische Inspiration waren die existenzialistischen Ziehkinder Andy Warhols: The Velvet Underground \u2013 mit ihren Visionen von Drogen und Sadomasochismus \u2013waren das schwarze Gegenbild zu \u201eFlower Power\u201c oder \u201eLove &#038; Peace\u201c. Auch in den Staaten wurde dieser Faden aufgegriffen \u2013 mal avantgardistisch und k\u00fcnstlerisch gepr\u00e4gt wie bei Lydia Lunch, mal in epische Gitarrenw\u00e4nde gekleidet wie bei Christian Death. <\/p>\n<p>Diese Stile bilden auch heute noch das Fundament der Gothic-Szene, die sich gern als elit\u00e4r, kunstsinnig und gef\u00fchlsbetont begriff. Schwarz war die verbindende Farbe. Die musikalische Entwicklung der Achtziger ging indes nicht spurlos an ihr vor\u00fcber. Gab es doch sogar beim offensiv oberfl\u00e4chlichen Synthiepop \u2013 vor allem in der damaligen DDR der erste Einstieg in die Szene \u2013 eine schwarze Fraktion, die New Romantics, die auf Gef\u00fchl und Galanterie setzte. Sp\u00e4ter fand man Gefallen an den L\u00e4rmeskapaden von Industrial und dessem martialisch-elit\u00e4rem Auftreten sowie seinem musikalischen Erben Electronic Body Music, der mit h\u00e4mmernden Rhythmen den buchst\u00e4blichen Gleichschritt der Waver bei Konzerten provozierte. Auch der Satanismus, den nordeurop\u00e4ische Metalbands praktizierten, passte gut ins Weltbild.<\/p>\n<p>Wer heute auf dem \u201eWave &#038; Gotik Treffen\u201c genauer hinschaut, kann diese musikalische Entwicklung auch an der Kleidung nachvollziehen. Der Ex-Punk im abgerissenen Ledermantel ist ebenso anzutreffen wie die aufwendig gestylte, Patschuli-aromatisierte \u201eBraut\u201c, der kurzhosige und langhaarige, t\u00e4towierte Metaller ebenso wie der akkurat frisierte EBM-ler im Fliegerstiefel. Gemein ist ihnen \u2013 neben dem identit\u00e4tsstiftendem Schwarz \u2013 die Beschw\u00f6rung eines kollektiven \u201eAu\u00dfenseitertums\u201c, ein \u201evon der Gesellschaft nicht verstanden werden\u201c, das sich im Gegenzug in der Ablehnung deren Realit\u00e4t \u00e4u\u00dfert. In der \u2013von den meisten nat\u00fcrlich nur am Wochenende praktizierten \u2013 Abkehr von Materialismus, Konsumorientierung und Entfremdung orientiert sich ein Teil der Szene radikal r\u00fcckw\u00e4rts. Neben dem Mittelalter und seinem vermeintlichen prallen Leben, faszinieren vor allem die heidnischen, also vorchristlichen, Religions- und Lebensgemeinschaften. Auf deren vermutete Lebenswelt beruft sich Neofolk, der schlichte Melodien sph\u00e4risch arrangiert und dessen Texte sich vornehmlich der nordischen Mystik annehmen.<\/p>\n<p>Nimmt man dies ernst \u2013 das tun etliche der Neofolker mit aller Inbrunst \u2013 und begibt sich auf entsprechende Sinnsuche, ger\u00e4t man unweigerlich an den engverwobenen ideologischen Wust an Esoterik, Naturmystik, Heidentum, Ahnen- und Runenkult, der schon einmal dazu diente, eine Herrenrasse weltanschaulich zu festigen. Die SS begriff sich als arische Elite in eben jener Tradition, die die so genannten \u201eehrlichen\u201c und \u201estarken\u201c alten Werte \u2013 Blut, Kraft, Opfer, Krieg, Hierarchie \u2013 gegen\u00fcber den \u201everlogenen\u201c und \u201eschw\u00e4chlichen\u201c neuen Werten \u2013 Gleichheit, Pazifismus, Toleranz, Demokratie \u2013 vorzog. <\/p>\n<p>Beim Leipziger Wave &#038; Gotik Treffen sind solche Bands schon lange pr\u00e4sent. Allerdings von au\u00dfen \u2013 da so gar nicht ins g\u00e4ngige Neonazi-Bild passend \u2013unbeachtet und von der apolitschen Szene weitgehend toleriert. In den Blickpunkt der breiteren \u00d6ffentlichkeit geraten sind sie erst durch die Diskussion um die \u201erechte Gesinnung\u201c von Josef Maria Klumb, der mit seiner Band Weissglut mainstreamf\u00e4hig wurde und beim Major-Label Epic unterkam, bevor er gehen musste. In diesem Jahr ist der \u2013 sich jetzt als M\u00e4rtyrer gebende \u2013 M\u00f6chtegern-Freigeist, der sich auch f\u00fcr die kruden, antisemitischen Weltverschw\u00f6rungstheorien eines Jan van Helsing begeistert, wieder dabei: Von Thronstahl hei\u00dft sein neuestes Projekt, auf den sich die Aufmerksamkeit nach einer \u201eSpiegel\u201c-Anmerkung richtet. Dass sich eine komplette Veranstaltungsreihe, die \u201eLichttaufe\u201c, mit \u00e4hnlich gesinnten Bands tr\u00e4gt, wussten die Veranstalter bisher geschickt aus dem Disput zu halten. So erscheinen die betroffenen Bands nicht in den Kurzbeschreibungen auf der Homepage des Festivals und im \u201eOffiziellen Vorboten\u201c, der Programmzeitschrift, wird sie \u2013 im Gegensatz zu allen anderen Events \u2013 nicht n\u00e4her vorgestellt. <\/p>\n<p>Zu den hinterfragenswerten Acts geh\u00f6ren zum Beispiel Allerseelen. Deren Mastermind Gerhard Petak (alias Kadmon) schw\u00e4rmt nicht nur f\u00fcr Friedrich Nietzsche, Ernst J\u00fcnger und Leni Riefenstahl \u2013 sowieso ein Grundkonsens der Szene \u2013 sondern bezieht sich explizit auf Karl Maria Wiligut. Der ist ein schillerndes Symbol, war er doch der esoterische Berater Heinrich Himmlers \u2013 des SS-Chefs. Oder Death In June: Dieser Name spielt auf die blutige Beseitigung der SA-Spitze im Juni 34 an. Bandleader Douglas Pierce \u2013 \u00fcbrigens bekennender Homosexueller \u2013 f\u00fchlt sich durch den Besuch der Wewelsburg, vormals die \u201eOrdensburg\u201c der SS, \u201espirituell erleuchtet\u201c. Ein weiteres Beispiel: In Gowan Ring ist ein Projekt von Musikern von Blood Axis, der Band um den Amerikaner Michael Moynihan. Der hat Wiligut-Gedichte ins Englische \u00fcbersetzt, besch\u00e4ftigt sich eingehend mit der Rassenmystik der SS-Stiftung \u201eAhnenerbe\u201c und sieht das Problem der \u00dcberbev\u00f6lkerung als unl\u00f6sbar an, solange jeder Mensch das Recht auf Leben habe. Derlei kann man im Interview mit dem einschl\u00e4gig bekannten Dresdner Blut-und-Boden-Fanzine \u201eSigill\u201c nachlesen. Auch das mobilisiert seine Leser zum \u201e9. Wave &#038; Gotik Treffen\u201c. Dessen Verlautbarungen sind \u2013 nebenbei bemerkt \u2013 konsequent eingedeutscht worden. Aus \u201eFax\u201c wird so \u201eFernbild\u201c. Und sogar der \u201eNeofolk\u201c musste dran glauben. Der hei\u00dft in den Anzeigen der Szenezeitschrift \u201eZillo\u201c jetzt \u201eNeufolklore\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem rechten Weg: Die dunklere Seite der Wave-Gothic-Szene von J\u00f6rg Augsburg Erschienen in MDR online 06\/2000 Man nannte sie Grufties, Knochenlutscher, Schwarzkittel. Die Reaktionen auf die Wave-Gothic-Szene pendelten lange zwischen mitleidigem Bel\u00e4cheln und h\u00e4mischem Verlachen. 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