{"id":358,"date":"2010-04-08T16:58:26","date_gmt":"2010-04-08T14:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=358"},"modified":"2024-03-18T13:36:03","modified_gmt":"2024-03-18T11:36:03","slug":"kein-vergeben-kein-vergessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=358","title":{"rendered":"Kein Vergeben, kein Vergessen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was lange w\u00e4hrt, wird gut? \u00dcber das Ph\u00e4nomen Scooter und die unausweichliche Penetranz des Immerdaseins.<\/strong><\/p>\n<p>Auf <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/kultur\/1014-augsburg-ton-text-scooter\" Target=\"_blank\">Der Freitag online<\/a>. <\/p>\n<p>&#8222;Fiiiiiiire!&#8220;, der gro\u00dfe Blonde springt auf die B\u00fchne mit einer Gitarre um den Hals, aus der Funken spr\u00fchen, rei\u00dft immer mal wieder die Arme hoch und schreit ins Mikro. Dann wummert die Bassdrum los, das zahlreich anwesende Volk ist in Nullkommanix auf Hundert und wird die n\u00e4chsten zwei Stunden auch kaum noch runterkommen. So ungef\u00e4hr muss man sich Konzerte von Scooter vorstellen, daran hat sich mehr oder weniger nicht viel ge\u00e4ndert, seit es die Band gibt \u2013 au\u00dfer, dass ganz fr\u00fcher keine Gitarre dabei war, denn Scooter z\u00e4hlen ja eigentlich zu &#8222;Techno&#8220;. Beziehungsweise zu dem, was man &#8222;Kirmes-Techno&#8220; nennt, und mit dem Clubgeschehen \u00e0 la Berghain oder Tresor au\u00dfer der Bassdrum nichts gemein hat.<br \/>\nScooter sind so etwas wie die K\u00f6nige des Kirmes-Techno, schon, weil sie die Einzigen sind, die es geschafft haben, \u00fcber anderthalb Jahrzehnte hinweg praktisch immer da zu sein, w\u00e4hrend der eigentliche Boom schon seit gut zehn Jahren tot ist und die Musikwelt an sich eine g\u00e4nzlich andere. <\/p>\n<p>Wenn es einen Beweis daf\u00fcr gibt, dass man einfach nur lange genug dabei sein muss, um dann irgendwann auch mal ein bisschen ernst genommen zu werden, dann sind es Scooter. Gro\u00df war das Gel\u00e4chter als Scooter mit ihrem &#8222;Hyper, Hyper&#8220; 1994 auf den gerade mit Volldampf dahinbrausenden Techno-Zug aufsprangen und prompt weit oben in den Charts landeten. Eine \u00fcberdeutlich einf\u00e4ltige Nummer war das, eine Anbiederung an all die aufgez\u00e4hlten &#8222;richtigen&#8220; Technok\u00fcnstler, zu denen man sich somit einfach mal zurechnen durfte. Heute \u2013 anl\u00e4sslich der eben gelaufenen &#8222;gr\u00f6\u00dften Scooter-Tour ever&#8220; rennt ein ehemaliger Chefredakteur der Musikgeschmacks-Ikone Spex mit dem brandneuen T-Shirt zum unkaputtbaren Fremdsch\u00e4m-Monstertrack herum und freut sich diebisch \u00fcber die erwarteten Missverst\u00e4ndnisse. Man kann heute ganz selbstverst\u00e4ndlich zu Scooter-Konzerten gehen, ohne nachweisen zu m\u00fcssen, dass man nur beruflich da sei. Man twittert dann aufgeregt live und schreibt nachher in seinem Blog \u00fcber die Abenteuer, die es mit dem Scooter-Publikum zu erleben gibt. Wobei das Publikum an sich das Abenteuer ist, denn ein Scooterkonzert ist wie ein besserer Zoo-Besuch, bei dem sich fremde Arten gegenseitig anstarren &#8211; nur ohne Gitter dazwischen. Auf der einen Seite der aufgekl\u00e4rte, Distinktions-bewehrte Musik- und Jugendkulturkenner, der selbstredend wegen der Metaebene da ist, auf der anderen Seite der \u2013 nun ja \u2013 Scooter-Fan halt. <\/p>\n<p>Der will einfach nur seinen Spa\u00df und ein paar Bier. Und es st\u00f6rt ihn \u2013 allermeistens sind es Er&#8217;s \u2013 vermutlich auch nicht, dass sich der dauergebleichte Frontmann mit dem Augenbrauenpiercing da vorn immer noch unverdrossen &#8222;H. P. Baxxter&#8220; nennt, nat\u00fcrlich englisch intoniert, was man sich selbst nicht mal trauen w\u00fcrde, wenn man eine Musik-Groteske plant. Alles an Scooter ist in gigantischer Weise grotesk \u00fcberzeichnet, billig und l\u00e4cherlich. Aber man hat sich im Lauf der Jahre daran gew\u00f6hnt, dass es irgendwo da drau\u00dfen eine fremde Welt gibt, einen verzerrten Gegenentwurf von Popkultur, der sich in einer unendlichen Folge von &#8222;The Dome&#8220;-Sendungen verfolgen l\u00e4sst, dessen Protagonisten in den Werbepausen von RTL II &#8222;It\u2019s fun!&#8220; sagen und die sich in fiesen Klingelton-Chartbrechern manifestiert. Das interessante an Scooter ist, dass sie selbst in dieser Szenerie wirken, als w\u00e4ren sie aus der Zeit gefallen. &#8222;You are the posse!&#8220; feuern sie ihr Publikum immer noch an, engagieren Leute wie Ralf M\u00f6ller f\u00fcr ein Video und finden ein ums andere Mal ein neues altbekanntes Text-Melodie-Fragment, aus dem das Grundger\u00fcst des n\u00e4chsten Hits gebastelt wird. <\/p>\n<p>Eine Hitmaschine im Wortsinn ist das, ein Popkonstrukt, das ohne jeglichen doppelten Boden auskommt und dem Begriff &#8222;mehrdimensional&#8220; verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcber steht. Nun erwartet man in dieser Liga nicht immer gleich den Symbolismus-Overkill einer Lady Gaga, aber ein wenig Selbstdekonstruktion z\u00e4hlt dann gemeinhin doch zum guten Ton, vor allem wenn man l\u00e4nger als eine Saison dabei sein m\u00f6chte. Auch ein Sido nimmt irgendwann die Maske ab. Scooter dagegen sind Scooter sind Scooter. Es gibt nur eine Ebene, die sieht und h\u00f6rt man, f\u00fcr immerdar und ohne den Hauch von konzeptioneller Entwicklung \u2013 sieht man mal von der Frage ab, ob &#8222;H. P.&#8220; sich gerade eine Gitarre umh\u00e4ngt oder nicht. Neu ist wie gesagt nur, dass man jetzt pl\u00f6tzlich auch abseits aller Unkultur-Kan\u00e4le \u00fcber Scooter stolpert und seinerseits Unverst\u00e4ndnis erntet, wenn man sich dar\u00fcber wundert. Und vielleicht ist es ja wirklich engstirnig, diesen Spa\u00df nicht verstehen zu wollen, so unmodern, wie immer noch aus Prinzip keine Bild zu lesen oder bedruckte Stoffbeutel abartig h\u00e4sslich zu finden. Eben irgendwie gestrig, Feindbild-verliebt und eindimensional. Ein bisschen wie Scooter halt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was lange w\u00e4hrt, wird gut? \u00dcber das Ph\u00e4nomen Scooter und die unausweichliche Penetranz des Immerdaseins. Auf Der Freitag online. &#8222;Fiiiiiiire!&#8220;, der gro\u00dfe Blonde springt auf die B\u00fchne mit einer Gitarre um den Hals, aus der Funken spr\u00fchen, rei\u00dft immer mal wieder die Arme hoch und schreit ins Mikro. 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