{"id":441,"date":"2010-10-25T15:20:04","date_gmt":"2010-10-25T13:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=441"},"modified":"2010-10-25T18:41:03","modified_gmt":"2010-10-25T16:41:03","slug":"das-ist-pop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=441","title":{"rendered":"Das ist Pop!"},"content":{"rendered":"<p>Top-Organisation, freundliches Publikum und \u00fcber den Abend ein bisschen z\u00e4h: \u201eDer gro\u00dfe Preis\u201c ist wieder da.<\/p>\n<p><em>Review zum Leipziger Bandwettbewerb &#8222;Gro\u00dfer Preis 2010&#8220;; erschienen in der Leipziger Volkszeitung, 25.10.2010<\/em><\/p>\n<p>Der erste Satz des Abends ist nat\u00fcrlich eine glatte L\u00fcge: \u201eWir freuen uns, heute er\u00f6ffnen zu d\u00fcrfen\u201c, sagt Thomas St\u00f6tzner in sein Mikrofon und be\u00e4ugt dabei argw\u00f6hnisch den noch sehr lichten Raum vor der B\u00fchne, auf der seine Band Elster Club steht. Es ist Punkt 19 Uhr und \u201eDer gro\u00dfe Preis\u201c beginnt. Nach drei Jahren Pause treten wieder acht Leipziger Bands nacheinander an, wollen \u201eDie Leipziger Band des Jahres\u201c werden. Ein Neustart, der organisatorisch rundum gelungen ist und immerhin 600 Interessierte ins letztendlich gut gef\u00fcllte Werk II zieht. <!--more--><br \/>\nAber erstmal ist es noch sehr fr\u00fch, und als Elster Club ihre halbe Stunde mit dem besten und mitrei\u00dfendsten Song des Abends abschlie\u00dfen, ist klar, dass sie auf den Publikumspreis keine Chance haben, weil die n\u00f6tigen Mehrheiten noch nicht im Saal sind. \u201eDas ist Pop!\u201c skandieren sie zum Sequenzersound wacker im Chor, nachdem Gitarre und Bass weggelegt sind, und bleiben die einzige Band des Abends, bei der man eine gewisse Affinit\u00e4t zu aktuelleren elektronischen Sounds konstatieren darf. Und die einzige, die schon im Vorfeld daran gedacht hat, dass eine Pr\u00e4senz am Merchandise-Stand eigentlich auch eine ganz gute Methode f\u00fcr die Basisarbeit an der Publikumsfront ist.<br \/>\nDieser \u201eGro\u00dfe Preis\u201c wird ein langer Abend, was nicht nur der Anzahl der auftretenden K\u00fcnstler geschuldet ist, sondern auch einer gewissen Z\u00e4higkeit der musikalischen Darbietungen. Eine echte \u00dcberraschung bleibt aus, mehr oder weniger routiniert wird das Programm meist heruntergespielt; zwei, drei mal zu oft ertappt man sich bei dem Gedanken, dass eine halbe Stunde vielleicht schon zu lang ist f\u00fcr eine knackige Selbstpr\u00e4sentation. R\u00fcckblickend fragt man sich, ob es unter den Einsendungen im Vorfeld wirklich keinen guten HipHop- oder Electronica-Act gegeben hat, der dem Abend eine weitere Klangfarbe verpasst h\u00e4tte. Das Publikum bleibt denn auch durchweg freundlich, l\u00e4sst sich aber in Sachen Euphorie kaum aus der Reserve locken.<br \/>\nEs folgt dieser Logik des Abends, dass die letzte Band den Publikumspreis abr\u00e4umt. Li Hanabi warten mit solide groovenden Indiegitarren auf und bestechen vor allem mit ihrer patenten Frontfrau Enna, einem Energieb\u00fcndel in leuchtend roten Str\u00fcmpfen, dessen Aufforderung \u201eH\u00e4nde aus den Taschen! Tanzen?\u201c nochmal ordentlich Schwung ins Werk II bringt. Das hat in der Tat Ausstrahlung, ist musikalisch sauber in Szene gesetzt und verzichtet auf Exaltiertheiten. Die hat man bis dahin schon das eine oder andere Mal erleben m\u00fcssen. Bobby &#038; Claude, die zweite Band des Abends hat offensichtlich keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit dem ganz gro\u00dfen Gef\u00fchl. Von allem ein bisschen zuviel, scheint das Motto der eigentlich als Duo firmierenden Hausband des Kleinkunstclubs Horns Erben zu sein, deren jazziger Kammerpop hier in breitwandigen Kitsch ausufert und der deutlich die gesanglichen F\u00e4higkeiten des Frontmannes \u00fcberfordert. Das hat er mit einem enervierend mitteilungsfreudigen Ian Cox gemeinsam \u2013 dessen Cox And The Riot waren mit ihrem hibbeligen Indierock nach dem Anh\u00f6ren der Vorabtracks von vielen in der Jury als Geheimtipp gehandelt worden, k\u00f6nnen diesen Bonus aber nicht \u00fcber ihren Auftritt retten.<br \/>\nG\u00e4nzlich einem Retrogitarrenpop-Konzept ergeben sich Computer Says No, flott von der Hand geht das, nur auch hier wieder die schmerzhafte Erkenntnis, dass schiefer Gesang nicht immer als charmant durchgeht. Singen kann Neo Kaliske. Der allerdings wirkt mit Schellenkranz-Stadionposen und Sch\u00fcttellocken-Frisur wie aus der Zeit gefallen, eine Art m\u00e4nnlicher Silbermond, dessen lyrische Banalit\u00e4ten unweigerlich an die Allerweltsweisheiten des Ostrock erinnern. radiN:ation versuchen sich im erwachsen-melodischen Gitarrenpop, singen von \u201eLonely Days\u201c und kleben ihren Sound leider mit dicken Synthiefl\u00e4chen zu. Eva Croissant dagegen setzt als Genre-Au\u00dfenseiterin ganz auf ihren Liedermacherinnen-Charme, spielt in wei\u00dfen Str\u00fcmpfen auf der Gitarre, erntet respektvolle Andacht und \u00e4rgert sich ein bisschen \u00fcber den Yvonne Catterfeld-Scherz, den sich der wie immer polarisierende Moderator Ralf Donis \u2013 eben erst von der Zeit als Speerspitze des neuen Leipziger Brachialhumors geadelt \u2013 in typischer Manier in seiner Ank\u00fcndigung erlaubt hat.<br \/>\nEine klarer Favorit kristallisiert sich f\u00fcr die Jury nicht heraus, das Ergebnis ist denkbar knapp. Sieger \u2013 und damit \u201eBand des Jahres\u201c \u2013 werden Li Hanabi, die das doppelte Abr\u00e4umen gar nicht fassen k\u00f6nnen, fast in Tr\u00e4nen ausbrechen, kaum noch ein Wort herausbekommen, und damit auch noch den virtuellen Sympathiepreis mitnehmen. Zehn Tage im Studio sind so gesichert. Computer Says No werden Zweite, erhalten ein Jahr Unterst\u00fctzung bei Promotion und Booking. Einen 500 Euro Instrumenten-Gutschein und den dritten Platz fahren Elster Club ein. Dann ist \u201eDer gro\u00dfe Preis 2010\u201c Geschichte und auch, wenn nicht alle musikalischen Bl\u00fctentr\u00e4ume reiften \u2013 dieser Wettbewerb wurde schmerzlich vermisst. Die R\u00fcckkehr kann der Leipziger Szene nur gut tun. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Top-Organisation, freundliches Publikum und \u00fcber den Abend ein bisschen z\u00e4h: \u201eDer gro\u00dfe Preis\u201c ist wieder da. 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