{"id":530,"date":"2011-02-07T22:11:56","date_gmt":"2011-02-07T20:11:56","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=530"},"modified":"2012-06-19T11:20:33","modified_gmt":"2012-06-19T09:20:33","slug":"die-hamburger-krankheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=530","title":{"rendered":"Die Hamburger Krankheit"},"content":{"rendered":"<p>Zorn der Jugend, Triumph der Alten: Kristof Schreuf, 1000 Robota, F.S.K. und Die Goldenen Zitronen im Centraltheater. <\/p>\n<p><em>Review zum Buback-Labelabend; erschienen in der <a href=\"http:\/\/lvz-online.de\" Target=\"_blank\">Leipziger Volkszeitung, 7.2.2011<\/a><\/em><\/p>\n<p>\u201eWer m\u00f6chte denn mit seinen Eltern dasitzen und sich das Gleiche angucken? Das ist doch schei\u00dfe!\u201c Anton Spielmann ist Gitarrist, S\u00e4nger und Vorsprecher der sehr jungen und sehr angesagten Hamburger Band 1000 Robota. Er und seine zwei Mitstreiter sind ungef\u00e4hr halb so alt wie fast \u2013 und in ma\u00dfgeschneiderten Herr-von-Eden-Anz\u00fcgen mindestens doppelt so gut angezogen wie ausnahmslos \u2013 alle Leute, die vor ihnen sitzen. Im Centraltheater sind sie die zweite Band des Buback-Labelabends, der aktuellen Leistungsschau der gro\u00dfen Hamburger Independent-Plattenfirmen-Institution.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nSie lassen Nebel wallen, stapeln beachtliche L\u00e4rmschichten aufeinander, reizen die kompetent angemietete Anlage im ehrw\u00fcrdigen Saal voll aus, ihr Bass tut physisch weh. So soll eine Band klingen, die zornig ist und jung und die ganz nach oben will, vor allem weg von der Eltern-Generation, deren umfassender Toleranz man nur noch mit teuren Frisuren, eleganten Lederschuhen und schmalen Krawatten entfliehen kann. Sie schreien ihre Verzweiflung hinaus und sind damit eigentlich genau richtig hier, denn die Adressaten sitzen im Publikum, sie sind gar mit ihnen auf Tour, diese Alten, die partout nicht aufh\u00f6ren wollen, cool zu sein. Dabei sind sie die eigentlich alles andere als \u201ecool\u201c, mit ihren verschlurften Klamotten und bis zu 30 Jahren Bandgeschichte auf dem Buckel. <\/p>\n<p>Als F.S.K. auf die B\u00fchne treten ist klar, dass dieser Abend den Alten geh\u00f6rt. Pl\u00f6tzlich sind sie weg, die Abgekl\u00e4rtheit des Publikums, das verstohlene Mitwippen, die &#8222;Lass-die-Jungen-sich-mal-austoben&#8220;-Reservierheit, das gegenseitige Anfremdeln zwischen B\u00fchne und Saal. \u201eWoher kennt ihr dieses Lied?\u201c, fragt Thomas Meinecke ehrlich verwundert nach dem Jubel \u00fcber den 83er Uralt-Hit \u201eWas kostet die Welt\u201c. Die Bezeichnung \u201eHit\u201c ist objektiv besehen eigentlich unangebracht, aber das Publikum sieht das gerade etwas anders. Es will tanzen, die Band und sich selbst feiern f\u00fcr den besseren Musikgeschmack. Es hat ja auch Recht. <\/p>\n<p>Der Abend f\u00e4ngt ruhig an, mit Kristof Schreuf, eine popmusikdeutsche Legende, weil er mit seiner Band Kolossale Jugend praktisch die Hamburger Schule erfunden hat, noch vor Blumfeld und lange vor Tocotronic. Im letzten Jahr ver\u00f6ffentlichte er sein erstes Soloalbum, eine hochgelobte Sammlung von sehr eigen interpretierten Coverversionen quer durch die eigene Musiksozialisation. Als \u201eBourgeois with a guitar\u201c pr\u00e4sentiert er sich heute, will dem \u201edummen alten Scheusal Punk richtig fies das Fell gerben\u201c, singt seine Songs zur Gitarre und ist ein so durch und durch sympathischer Typ, dass man ihn am liebsten ein bisschen knuddeln m\u00fcsste \u2013 oder wenigstens ein Autogramm am Merchandise-Stand holen, wie er anbietet. <\/p>\n<p>1000 Robota m\u00f6chten dann wie gesagt gar nicht sympathisch sein, klingen eigentlich nicht schlecht, nerven aber tats\u00e4chlich mit den selbst bei Wohlmeinenden schon verrufenen Endlos-Ansagen voller pathetischer Ironie-\u00dcberh\u00f6hung. \u201eAltklug\u201c nannte sie ihr eigener Labelchef im Interview nicht umsonst, aber immerhin, \u201eHamburg brennt\u201c hei\u00dft eines ihrer St\u00fccke und damit sind sie eingemeindet im Kontext des Labels. Das hat seit Kurzem eben auch F.S.K. zu bieten, die im internationalen Ma\u00dfstab wohl gr\u00f6\u00dfte unbekannte deutsche Band. Ausgerechnet Puhdys\u2019 \u201eAlt wie ein Baum\u201c bekommen sie von ihren jungen Labelmates per Einspielung mit auf den Weg. Tats\u00e4chlich ist die Band sogar noch \u00e4lter als ihr Synthesizer-Dinosaurier Yamaha DX7. Aber heute triumphieren Musiker, die in ihren Texten Walter Benjamin oder Elfriede Jelinek erw\u00e4hnen, deren Songs \u201eFragen der Philosophie\u201c hei\u00dfen, die Krautrock genau so furios durch die hochgez\u00fcchtete F.S.K.-Verweismaschine laufen lassen wie Disco oder R\u2019n\u2019B, und denen es gelingt, die Verh\u00e4ltnisse in diesem unpraktischen Saal mit seinen weichen Polstersesseln zum Tanzen zu bringen, wenigstens im schmalen Raum vor der B\u00fchne. <\/p>\n<p>Der f\u00fcllt sich dann endg\u00fcltig, als Die Goldenen Zitronen beginnen, die vormaligen Punks, die immer verquer zum Zeitgeist standen und ihn damit auch immer genauer sezierten, als andere Bands in diesem Land. \u201eDie Hamburger Krankheit\u201c l\u00e4uft hinter ihrem gewohnt aufgeputzten Auftritt, ein einigerma\u00dfen obskurer deutscher Arthaus-Seuchen-Film aus den Sp\u00e4tsiebzigern, nur dass der Soundtrack diesmal nicht von Jean Michel Jarre ist, sondern von den \u201eGoldies aus Hamburg\u201c, deren Schorsch Kamerun seine komplexen Endlos-Texte pr\u00e4sentiert, als ob gerade der Ingeborg-Bachmann-Preis zur Disposition st\u00fcnde. \u201eJung erwachsen, daf\u00fcr immer jung\u201c hei\u00dft es in ihrem Song \u201eAuf dem Platz der leeren Versprechungen\u201c, er passt nat\u00fcrlich perfekt in diesen Abend, den sie souver\u00e4n auf ihre sehr eigene Art zu Ende rocken. Fast schon als eine Art Postpunk-Grateful Dead funktioniert das Kollektiv mit seinem kompromisslos angelegten Sound, der keine Kunstpause und keinen Hit mehr braucht. Der Infizierungsgrad dieser b\u00f6sen Tanzmusik ist enorm. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zorn der Jugend, Triumph der Alten: Kristof Schreuf, 1000 Robota, F.S.K. und Die Goldenen Zitronen im Centraltheater. Review zum Buback-Labelabend; erschienen in der Leipziger Volkszeitung, 7.2.2011 \u201eWer m\u00f6chte denn mit seinen Eltern dasitzen und sich das Gleiche angucken? 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