{"id":575,"date":"2011-03-01T21:38:16","date_gmt":"2011-03-01T19:38:16","guid":{"rendered":"http:\/\/augeweb.de\/v2\/?p=575"},"modified":"2011-03-29T21:42:54","modified_gmt":"2011-03-29T19:42:54","slug":"wahnsinn-mit-methode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/augeweb.de\/?p=575","title":{"rendered":"Wahnsinn mit Methode"},"content":{"rendered":"<p>Noch lange nicht in der Auslaufrille: Das Monster-Kompendium \u201eGrand Zappa\u201c n\u00e4hert sich dem genialischen Werk des Ausnahmek\u00fcnstlers strikt methodisch und absolut unkonventionell. <\/p>\n<p><em>Rezension zu \u201cFrank Wonneberg: Grand Zappa\u201d; erschienen in Kreuzer Buchmesse-Beilage 03\/2011<\/em><\/p>\n<p>Wir leben endg\u00fcltig in einer Welt der Nerds, h\u00f6rt man derzeit allerorten, die Larry Pages und Mark Zuckerbergs h\u00e4tten jetzt das Ruder \u00fcbernommen. Das ist nat\u00fcrlich Unsinn, weil die Macht bekannterma\u00dfen immer noch bei jenen liegt, die das Kapital beherrschen. Bei jenen also, die inzwischen nicht nur Schwer- und Informationsindustrie beherrschen, sondern auch die Musikindustrie, die irgendwann in den Neunzigern pl\u00f6tzlich enorme Rendite versprach, weil die Compact Disc enorm billig war, dem Verbraucher aber locker zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen angedreht werden konnte und ihn obendrein auch noch dazu verleitete, alte Alben noch einmal zu kaufen. Heute ist die Rendite im Keller, die CD ein Auslaufmodell, die gute alte Vinylplatte dagegen wieder en vogue \u2013 und Nerds bestimmen immer noch nicht die Geschicke der Musikhistorie. Aber sie erkl\u00e4ren sie vielleicht besser als andere. <!--more--><\/p>\n<p>Unter allen Musiknerds ist der Vinylfreak sicher der sympathischste \u2013 was nicht hei\u00dft, dass man mit ihm eine Diskussion \u00fcber die Vorteile des Auflegens mit einem Laptop beginnen sollte! Aber im Gegensatz zu den \u2013 beispielsweise \u2013  Audiophilen mit all ihren unglaublich teuren schwingungsfreien Schwermetall-Stereoanlagen und den vergoldeten Kabelsteckern ist die Vinylplatte nicht nur ein allgemein erschwingliches Kulturkonsumgut, sondern auch immer noch ein nicht wegzudenkender Teil einer normalen Musiksozialisation vor den Neunzigern. <\/p>\n<p>Die Geschichte der Popmusik ist eine der Vinylplatte. Erst mit ihr kam die Reproduzierbarkeit dieser Kunst auf ein Niveau, das einen Massenmarkt schuf und damit das Entstehen der Musikindustrie, ein (zumindest in der westlichen Hemisph\u00e4re uneingeschr\u00e4nktes) weltweites Vertriebs- und damit Starsystem sowie das \u201eAlbum\u201d als musikalische Kunstform \u00fcberhaupt erm\u00f6glichte. Frank Wonneberg ist ein erkl\u00e4rter Vinylfreak, jemand, der sich auskennt mit Produktionsschl\u00fcsseln, Audiodynamiken, Labelettiketen und all dem, was dort draufsteht und was man als gemeiner H\u00f6rer nie wirklich wahrnimmt. Nach einigen aufschlussreichen Fachb\u00fcchern zum Thema Schallplatte hat er sich jetzt das Gesamtwerk des \u00dcber-Musikers Frank Zappa vorgenommen, von dem er \u2013 das ist damit dann auch absolut zweifelsfrei verb\u00fcrgt \u2013 ein intimer Kenner ist. <\/p>\n<p>\u201eGrand Zappa\u201c ist riesig, sperrig, spannend, umfassend und \u2013 n\u00fcchtern betrachtet \u2013 das Werk eines Wahnsinnigen. Oder wie sollte man sonst ein Pojekt einordnen, das einem das Schaffen eines bedeutenden Musikers anhand von Matritzenkrakeleien erkl\u00e4rt, die in den Auslaufbereich seiner Schallplatten gepresst worden sind, und mit Bildern von den verschiedenen Rillenverl\u00e4ufen der unterschiedlichen Pressungen eines Albums? Das Beeindruckendste daran ist, dass dieser Ansatz tats\u00e4chlich funktioniert. Schon die F\u00fclle des Materials l\u00e4sst dabei erschaudern. Denn Zappa ver\u00f6ffentlichte praktisch schneller, als man hinterherh\u00f6ren konnte, war so unglaublich produktiv, dass es den normalen Regeln des Albummarktes Hohn sprach und auch f\u00fcr beinharte Fans praktisch unm\u00f6glich war, den Output in Echtzeit angemessen zu verfolgen. <\/p>\n<p>Wonneberg beleuchtet akribisch die schier unglaublichen 42 (zum Gutteil Mehrfach-)Alben, die Zappa in gerade mal 25 Jahren zu Lebzeiten, also eigenh\u00e4ndig, ver\u00f6ffentlicht hat (ein gutes Dutzend weitere werden dar\u00fcber hinaus einbezogen), dokumentiert die Eigenheiten samt Soundeindruck und Produktionstechnik, vergleicht mit den CD-Neuauflagen und bebildert die weltweiten Pressungen. Und \u2013 das ist dann das eigentlich erhellende Lesevergn\u00fcgen \u2013 er ordnet das hochkompetent und \u00e4u\u00dferst schl\u00fcssig in das Gesamtwerk Zappas und den immer mitschwingenden musikalischen und gesellschaftlichen Zeitgeist ein. So ergibt sich ein nicht nur Vinyl- und audiotechnisch sondern auch Pop-historisch hochinteressantes Kaleidoskop, das einem die gerade in Deutschland immer noch ungebrochene Faszination des Rock-Avantgardisten tats\u00e4chlich n\u00e4her zu bringen vermag. <\/p>\n<p>Dabei ist Wonneberg keineswegs die rein objektive Institution, der neutrale Zappa-Arch\u00e4ologe, der nur die Fakten liefert. Es ist gerade seine pers\u00f6nliche Nuance, die aus der reinen Flei\u00dfarbeit nicht nur ein h\u00f6chst lesenswertes Buch, sondern ein wirklich gro\u00dfartiges Standardwerk \u00fcber das Schaffen von Frank Zappa macht. Ob er sich \u2013 auch hier sachlich fundiert \u2013 ein wenig echauffiert, weil die Musikpresse gern \u201eHot Rats\u201d mit Miles Davis\u2019 fast gleichzeitig erschienenem Meilenstein \u201eBitches Brew\u201d in einen Topf wirft (was \u00fcbrigens nicht zu Ungunsten von Davis Mitmusikern ausgeht) oder ob er die Meinungsdifferenz mit seiner Frau zu \u201eDoes Humor Belong In Music\u201c thematisiert. Sogar, wer aus all dem fantastischen Gro\u00dfwerk Zappas, den Unmengen von musikalischem Material, den oft genug verwirrenden Stilkonzepten und den sich oftmals widersprechenden Ansichten von seinen \u201eFans\u201d und Zappa selbst, d a s  e i n e  Album herausfinden will, ist bei Frank Wonneberg gut aufgehoben: Mit Inbrunst legt er sich auf \u201eJoe\u2019s Garage\u201c fest, das Dreifach-Album, auf dem Zappa \u201eso authentisch und emotional sp\u00fcrbar wie niemals sonst in seiner Karriere\u201d sei. Am Ende geht es bei Musik eben immer um mehr als um die Art des Vinyls, auf der sie gespeichert ist. Zappa selbst war \u00fcbrigens von Anbeginn der Verf\u00fcgbarkeit ein leidenschaftlicher Verfechter der digitalen Musikproduktion. Auch das kann man hier nachlesen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch lange nicht in der Auslaufrille: Das Monster-Kompendium \u201eGrand Zappa\u201c n\u00e4hert sich dem genialischen Werk des Ausnahmek\u00fcnstlers strikt methodisch und absolut unkonventionell. 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