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Inhalte, Inhalte, Inhalte! Und immer an den Hörer denken! MDR Sputnik erfindet sich neu

Erschienen in Kreuzer 12/2006

Es ist mächtig Betrieb im Hallenser Funkhaus. Zumindest in dem kleinen Teil, der Sputnik vorbehalten ist. Das „gläserne Studio“ ist eigentlich nur ein erdgeschossiges Großraumbüro, vollgestopft mit Schreibtischen – eben musste die kleine Showcase-Bühne für ein weiteres Paar weichen, nur die farbigen Scheinwerfer an der Decke zeugen noch von ihr. Angrenzende Miniproduktionsstudios gibts noch und einen Glaskasten für den Senderchef. Das ist seit ein paar Monaten Eric Markuse und dafür, dass in wenigen Wochen bei Sputnik so ziemlich alles anders als bisher sein soll, wirkt der 44-Jährige erstaunlich gelassen und frisch. Überhaupt: So beengt die Verhältnisse auch sein mögen, so hektisch die Vorbereitungen für den Tag X – den 4. Dezember –, die Endorphin-Ausschüttung scheint auf Hochtouren zu laufen. Sicher hat es auch was mit dem neuen, aufgeräumt agierenden Chef zu tun, dass die Arbeit hier allen echten Spaß zu machen scheint. Man könne sich das ja denken, wenn man Michael Schiewack kenne, den Ex-Chef, heißt es hinter gar nicht so vorgehaltener Hand. Ja, kann man, dessen ungehobelte Poltermanier ist schließlich weit über Sendergrenzen hinaus berüchtigt. Schiewack, das Enfant terrible der mitteldeutschen Radioszene, ist seit Sommer nur noch für das zwar quotendümpelnde aber Werbeeinnahmenflaggschiff MDR Jump zuständig. Und für einige Mitarbeiter weniger, die es prompt vorgezogen haben, ins Erdgeschoss zu wechseln, als handfest wurde, was Markuse mit der kleinen MDR Jugendwelle vorhat: vernünftiges Radio machen.
Reinhard Bärenz zum Beispiel ist der Musikchef von Sputnik. Vorher war er Musikchef von Jump und Sputnik, ein augebuffter Profi, dem auch in den einschlägigen Insider-Foren schon immer nachgesagt wurde, dass er das Dudeln doch irgendwann selbst nicht mehr ertragen könne, für das da er den Kopf hinhielt. Jetzt hat er seinen – vermutlich viel komfortableren – Schreibtisch bei Jump geräumt, sitzt eingezwängt zwischen Computer, Bildschirmen, CD-Regal in einer kleinen Ecke im Großraumbüro und deutet ein wenig entschuldigend auf die Goldenen Schallplatten zweier mittelprächtig relevanter Teeniestars, die hinter ihm an der Wand lehnen. „Die stammen noch von Jump.“ Mittelprächtig relevante Teeniestars passen nicht mehr so recht ins Profil des neuen Sputnik. „Einen neuen Dreh“ verspricht er, „junge Bands, die man sonst nicht im Radio hören würde.“ Und tatsächlich: Schon seit einiger Zeit schleicht sich ein neuer Ton ins vormalige „Black, Hot & Sexy“-Schema, dürfen die jungen Wilden, die noch vor Halbjahresfrist sogar bei der Leipziger Indiemesse Pop Up als Geheimtipp galten, die Rotation aufmischen. Mehr Titel, weniger Wiederholungen, breiter gefächertes Musikformat – was Bärenz referiert, klingt wie vom Wunschzettel des Musikradio-Liebhabers abgelesen. Vor allem das Zauberwort: „Musikspezialsendungen“. Die Renaissance der allabendlichen Entdeckungsfahrten durch neue Popmusik steht wie kaum etwas anderes für den Gegentwurf zu einem Radio, das durch die enthemmten Formatdogmen des letzten Jahrzehnts eine ganze Generation Hörer vertrieb. Die will sich Sputnik nun zurückerobern.
Und wenn man schon mal beim – nach bisher geltender Radiolehre – Tabubruch ist, dann aber gleich richtig. „Sputnik – Deine Nacht“ heißt die Fünf-Stunden-Schiene mit, so das Programmschema, „Hörbuch, Nachtthriller, Literatur“. Fast kindlich freut sich Markuse über die ersten Skripte und Hörproben zur „Sputnik Bedarfsgemeinschaft“, einer hausgemachten Comedy-Hörspiel-Soap, die den WG-Alltag der Generation Praktikum aufs Korn nimmt. Die neue Kernzielgruppe sozusagen, auch wenn Markuse das als arg verkürzt zurückweisen würde.
„Jugendwelle“ – man kann sehen, wie schwer dem Wellenchef das über die Lippen geht – jedenfalls will er auch nicht sein, plädiert für den intelligenten Hörer ohne Altersbeschränkung, den „Twentysomething“, der auf DLF oder Figaro nicht die richtige Musik findet. Ein Anspruch, bei dem Quotenzähler das Schlottern bekommen. Sputnik habe aber keine Vorgaben, versichert Markuse und hofft trotzdem auf den nicht unrelevanten Marktanteil, den der Sender zumindest in Halle erreicht, wo er über Antenne problemlos zu empfangen ist. Es müssen ja nicht unbedingt dieselben acht Prozent sein. Mit Verve breitet Markuse aus, wie er sich Radio vorstellt. Kaum zu glauben, dass derselbe Mann bis eben noch als „MDR Unternehmenssprecher“ Stasi-Verstrickungen und Bestechungsskandale erklären oder – eben – erbarmungslose Quotenhatz schönreden musste. Da hat man wohl jemand von den Fesseln gelassen, der im nächsten Jahr eine ganze Menge für Image und Zukunft des MDR tun könnte.
Denn die Strategie ergibt Sinn. Immer mehr war der MDR in den letzten Jahren wahlweise als Blut-&-Boden-Heimatfernsehen oder Dudelfunk-Vorreiter in die Schusslinie geraten und lieferte erstklassige Munition, um den Gebührenanspruch des gesamten öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems zu torpedieren. Auch die Politik ging zunehmend auf Distanz, neue Frequenzen im immer noch begrenzten Äther konnte man abschreiben, gar der eigene Rundfunkrat begann hörbar zu nörgeln. Ein frischer Wind tat also bitter not. Sputnik, die kleine, vergleichsweise billige und wendige Welle, könnte nun die Bresche schlagen. Als Vorzeige-Image-Projekt und in Realzeit funktionierendes Experimentierfeld für die Zukunft des Radios, gerade hinsichtlich auf die „neuen Ausspielwege“ – wie die Herausforderung Internet im Fachjargon schnöde benannt wird. Sputnik will hier ausloten, was inhaltlich und – die Grenzen sind bisher eng gesteckt – rechtlich machbar ist. Ein Erfolg oder Misserfolg des Sputnik-Experiments betrifft also nicht nur mittelbar die gesamte Senderkette. Den MDR-Hörer sowieso. Der darf sich jetzt erstmals auch unter vierzig ernst genommen fühlen.
Das fängt mit den Nachrichten an. „Die ganze Welt in zwei Minuten“ – beim bisherigen Sputnik-News-Slogan verzieht Markuse wieder ein bisschen das Gesicht – soll Vergangenheit sein. Einen echten Profi hat man sich von MDR Info dauerausgeliehen. Der muss den bis dato fachmännisch eher unbedarften Sputnikmachern erst mal das Rüstzeug beibringen, wie man News schreibt, worauf es bei Beiträgen ankommt oder auch, welchen der zahlreichen seriösen ARD-Weltkorrespondenten man auf eine im Umgangston doch eher nicht steifbeinige Hörerschaft loslassen darf.
Immmerhin, es gilt, alltäglich zwei ganze Stundenblöcke mit – für bisherige Verhältnisse unerhörten – 40 Prozent Wortanteil zu tagesaktuellen Themen zu füllen. Und „richtige“ Nachrichten sollen es stündlich sein, fünf Minuten lang, weg vom Häppchen, nicht nur pseudoinformativ, professionell gemacht obendrein. Die Gretchenfrage dazu heißt: „Musikbett?“ An dem mehr oder weniger diskreten Plätschersound unter dem gesprochenen Wort scheiden sich seit jeher die Geister. Lange habe man diskutiert und ja, es wird ein Musikbett geben. „Aber es ist wunderschön!“ Sogar das nimmt man Markuse ab, wenn sich dieses spitzbübische Glitzern in seine Augen schleicht.
Immer mal ein bisschen zurückrudern muss er in all der Euphorie und Erwartungen dämpfen. Das gehe natürlich alles nicht von jetzt auf gleich, das werde noch eine gute Weile dauern, bis alles klappt, alles so ist, wie es sein soll. Und offen ist bisher ohnehin, ob sich das dann wirklich jemand anhört, ob die MDR-Entscheider gut finden, was Sputnik treibt, oder ob die Ankündigungen nicht doch schlicht zu groß geraten sind.
Aber manchmal sind es ja gerade die kleinen Dinge, die sich als Geheimwaffe entpuppen. Markuse hat eine parat: Am Mittag gibts die Nachrichten in lupenreinem Cambridge-Englisch. Einfach so. Noch ein Experiment. Eine Idee, die beim Besuch in Wien geboren wurde, wo mit dem ORF-Radio FM4 so etwas wie ein Vorbild für das neue Sputnik sendet. Was dort ursprünglich als wettbewerbsverhindernder Klotz am Bein eines frischen Sendekonzepts gedacht war – der Zwang, große Teile des Programms in Englisch zu moderieren –, entwickelte sich als attraktives Alleinstellungsmerkmal. Wie die Moderatoren munter parlierend unvermittelt zwischen Englisch und Wienerisch wechseln, hat einen ganz besonderen Charme. Einen Hinhörer verspricht sich Markuse nun auch hierzulande und vergisst nicht, den cleveren pädagogischen Effekt zu erwähnen, den englisch gesprochene Nachrichten aus der Heimat vielleicht haben könnten. Weltoffenheit made in Halle, wer hätte sich das vor Halbjahresfrist vorstellen können?
Augsburg

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