Harmonien für Wohnzimmer und Industriebrachen

Leipzig ist ein Magnet für die deutsche Deep House-Szene.
von Jörg Augsburg

Erschienen in Zürcher Tagesanzeiger 10/2004

Die Spiegelkugel lässt farbige Lichtpunkte über Wände und Gäste tanzen, ab und an verwandelt die Nebelmaschine den Dancefloor in ein schemenhaft-buntes Gewaber, Videofetzen zucken über den Köpfen. DJ Matthias Tanzmann – der heißt wirklich so – legt eine schwarze Scheibe um die andere auf, lässt die Tracks ineinander fließen und erzeugt so den für ihn typischen Sog aus mal dezent tackernden, mal konkret wummernden Beats, minimalistischen Soundschleifen, fragil schimmernden Melodien, einem Hauch Jazz, Discoeinsprengseln und immer wieder äußerst warmherzigen Basslines. So klingt Deep House. Es ist der letzte Samstag im Monat und in Leipzigs „Distillery“ finden die „Moon Harbour Label Flights“ regen Zuspruch. Die „Distillery“ verdankt ihren Namen einer stillgelegten Brauerei, wo die Geschichte des Leipziger Vorzeigeclubs vor 12 Jahren begann. Deep House ist der Sound, für den Leipzig derzeit auch international geschätzt wird, Matthias Tanzmann ist die Galionsfigur des sanft gewachsenen Trends, für den DJs und Produzenten wie Frankman, Mille & Hirsch oder Marlow stehen.
Glücklich ist Tanzmann mit dem Etikett „Deep House“ eigentlich nicht: „Ich finde das ein wenig irreführend, weil man oft nur diesen eigentlich sehr ruhigen, melodiösen Sound drunter versteht. Aber das ist es ja nicht allein, es soll ja auch tanzbar sein.“ Beides funktioniert. Während DJs mit beatlastigeren Singles für den Dancefloor bedient werden, bieten Alben die Alternative zum Hören für daheim. Gerade Tanzmanns Duo-Projekt Gamat 3000 könnte mit seinen ausgefeilt inszenierten Klanglandschaften den perfekten Designerwohnzimmer-Soundtrack liefern. Daniel Scholz, sein Partner, machte übrigens erstmals mit einem „Hands On Yello“-Remix für die schweizerischen Althelden der elektronischen Popmusik auf sich aufmerksam.
Man sieht der chic hergerichteten, schön kompakten City nicht an, dass Leipzig zu jenen „Shrinking Cities“ zählt, die mit Schrumpfungsprozessen erheblich belastet sind. So prägen Industriebrachen das Stadtbild. Wie im Fall „Baumwollspinnerei“, in jenem Stadtteil Plagwitz, dem Anfang der Neunziger in atemberaubend kurzer Frist die Industrie abhanden gekommen ist. Die Gebäude stehen bis heute, Künstler haben sich hier angesiedelt, kleine Szenegewerbe und mit der „Tangofabrik“ gibts eine der schönsten Locations der Stadt. Frankman findet man hier regelmäßig, eine Insider-Ikone, wegen dessen Platten Leipzig schon mal zum Deep House-Wallfahrtsort ausgerufen wird. Andreas Greiner heißt der ganz bürgerlich und seine Brötchen verdient er mit braven 40 Stunden pro Woche im öffentlichen Dienst. Die schlichte Eleganz seiner Musik ist bei Liebhabern legendär. Kaufen kann man sie gleich unweit der „Tangofabrik“. Hier hat sich der Record Store „schallrausch.com“ zum wichtigsten Anlaufpunkt für House-DJs der Region etabliert.
Die gute alte Schallplatte ist in Leipzig sowieso alles andere als ein verblichener Mythos. Standortwechsel in den Osten Leipzigs, unweit der City: „Grafisches Viertel“ heißt stadtpolitisch zweckoptimistisch immer noch, wo mal das Herz der deutschen Buchstadt schlug. „Interdruck“ war ein Renommiername der DDR-Buchindustrie mit Sitz in der Göschenstraße. Benannt ist die nach dem ersten Goethe-Verleger. Aber die Adresse kennen heute eigentlich nur noch junge Nachtschwärmer, die in der halblegalen „Galerie Interdruck“ regelmäßig gut besuchte Partys feiern. Und jene, die als DJ oder Liebhaber immer noch auf eine buchstäblich gestanzte Rille schwören. Denn hier findet sich auch das Vinylplatten-Presswerk „R.A.N.D. Muzik“.
Schwere Handarbeit ist das Plattenpressen und verlangt obendrein ein Geheimwissen um etliche Dutzend chemischer Vorgänge und die physikalischen Feinheiten einer Vinyl-Rille. Sowieso gut, wenn man Maschinenbau studiert hat, schließlich sind die Geräte praktisch uralt, werden heute nicht mehr hergestellt. Ein trotziger Treppenwitz der jüngeren deutschen Musikgeschichte ist diese kleine Manufaktur: Während die großen Musikkonzerne ihre Presswerke verschrotteten, weil Vinyl hoffnungslos gestrig schien, suchten vier junge Leipziger in ganz Osteuropa ihre Grundausstattung zusammen. Jetzt hat man in hier alle Hände voll zu tun.
Nicht zuletzt die Region selbst sorgt dafür. An der Fachhochschule in Schmalkalden, einem kleinen malerischen Touristen-Städtchen im Thüringer Wald, haben die „R.A.N.D.“-Presser studiert und kennen von daher die Macher des gleichnamigen Labels. In Jena, das liegt knappe anderthalb Autostunden von Leipzig entfernt, residiert das rege „Freude Am Tanzen“-Label. Schmalkalden, Jena, Leipzig – das „Bermuda-Dreieck des deutschen Deep House“ nannte das die renommierte Musikzeitschrift „De:Bug“ mal. Die Kreise schließen sich, wenn sich alle im Mai auf der „Leipzig Pop Up“ treffen, einer jährlichen Messe für Independent-Labels aller Stile. Deep House findet dann in der „Distillery“ genauso statt wie im spektakulär uralten, morbiden Kinosaal „UT Connewitz“, vor wenigen Jahren als stimmungsvolle Bühne wiederentdeckt.
Der Trend geht sowieso weg vom eigentlichen Club. Weil Deep House eben auch als ideale – wenn auch intelligent verspielte – Background-Musik taugt, legen die DJs immer öfter in einschlägigen Szenebars auf. „Besonders nett ist das Cortex“, bescheinigt Tanzmann seiner Lieblingsbar, „da passt unsere Musik am besten hin“. Ein wenig unterkühlt stylish geht es hier zu, mit dem Willen zum eigenwilligen Design, aber alles andere als clean oder abweisend. Eben irgendwie genauso warmherzig, wie Deep House im Grunde klingt.

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