Unter schwarzer Flagge

Auf dem rechten Weg: Die dunklere Seite der Wave-Gothic-Szene
von Jörg Augsburg

Erschienen in MDR online 06/2000

Man nannte sie Grufties, Knochenlutscher, Schwarzkittel. Die Reaktionen auf die Wave-Gothic-Szene pendelten lange zwischen mitleidigem Belächeln und hämischem Verlachen. Trotzdem wuchs sie in den letzten Jahren stetig, bietet ihren Anhängern inzwischen eine erstaunliche Anzahl an Zeitschriften, spiegelt sich zunehmend in der „normalen“ Musikpresse wider und hat sogar den Sprung in Hitparaden und Musikfernsehen geschafft. Nötig war dazu allerdings erstmal der Umweg über die Einverleibung der verschiedensten Musikrichtungen. Bis heute ist unter der schwarzen Flagge so zusammengewachsen, was ursprünglich nicht zusammenpasste.

Angefangen hatte es in den späten Siebzigern. Der musikalische Umsturz des Punk hinterließ tiefe Spuren in der britischen Musik. Nachfolgeszenen – wie eben die Gothics – bildeten sich heraus. Bands wie Bauhaus, Siouxsie And The Banshees oder Joy Division verkörperten die düstere Seite des Rock, schufen verstörende, hypnotisch gebremste Songs, die allesamt ein morbides Grundkonzept von kultivierter Depression und Weltschmerz ästhetisierten. Musikalische Inspiration waren die existenzialistischen Ziehkinder Andy Warhols: The Velvet Underground – mit ihren Visionen von Drogen und Sadomasochismus –waren das schwarze Gegenbild zu „Flower Power“ oder „Love & Peace“. Auch in den Staaten wurde dieser Faden aufgegriffen – mal avantgardistisch und künstlerisch geprägt wie bei Lydia Lunch, mal in epische Gitarrenwände gekleidet wie bei Christian Death.

Diese Stile bilden auch heute noch das Fundament der Gothic-Szene, die sich gern als elitär, kunstsinnig und gefühlsbetont begriff. Schwarz war die verbindende Farbe. Die musikalische Entwicklung der Achtziger ging indes nicht spurlos an ihr vorüber. Gab es doch sogar beim offensiv oberflächlichen Synthiepop – vor allem in der damaligen DDR der erste Einstieg in die Szene – eine schwarze Fraktion, die New Romantics, die auf Gefühl und Galanterie setzte. Später fand man Gefallen an den Lärmeskapaden von Industrial und dessem martialisch-elitärem Auftreten sowie seinem musikalischen Erben Electronic Body Music, der mit hämmernden Rhythmen den buchstäblichen Gleichschritt der Waver bei Konzerten provozierte. Auch der Satanismus, den nordeuropäische Metalbands praktizierten, passte gut ins Weltbild.

Wer heute auf dem „Wave & Gotik Treffen“ genauer hinschaut, kann diese musikalische Entwicklung auch an der Kleidung nachvollziehen. Der Ex-Punk im abgerissenen Ledermantel ist ebenso anzutreffen wie die aufwendig gestylte, Patschuli-aromatisierte „Braut“, der kurzhosige und langhaarige, tätowierte Metaller ebenso wie der akkurat frisierte EBM-ler im Fliegerstiefel. Gemein ist ihnen – neben dem identitätsstiftendem Schwarz – die Beschwörung eines kollektiven „Außenseitertums“, ein „von der Gesellschaft nicht verstanden werden“, das sich im Gegenzug in der Ablehnung deren Realität äußert. In der –von den meisten natürlich nur am Wochenende praktizierten – Abkehr von Materialismus, Konsumorientierung und Entfremdung orientiert sich ein Teil der Szene radikal rückwärts. Neben dem Mittelalter und seinem vermeintlichen prallen Leben, faszinieren vor allem die heidnischen, also vorchristlichen, Religions- und Lebensgemeinschaften. Auf deren vermutete Lebenswelt beruft sich Neofolk, der schlichte Melodien sphärisch arrangiert und dessen Texte sich vornehmlich der nordischen Mystik annehmen.

Nimmt man dies ernst – das tun etliche der Neofolker mit aller Inbrunst – und begibt sich auf entsprechende Sinnsuche, gerät man unweigerlich an den engverwobenen ideologischen Wust an Esoterik, Naturmystik, Heidentum, Ahnen- und Runenkult, der schon einmal dazu diente, eine Herrenrasse weltanschaulich zu festigen. Die SS begriff sich als arische Elite in eben jener Tradition, die die so genannten „ehrlichen“ und „starken“ alten Werte – Blut, Kraft, Opfer, Krieg, Hierarchie – gegenüber den „verlogenen“ und „schwächlichen“ neuen Werten – Gleichheit, Pazifismus, Toleranz, Demokratie – vorzog.

Beim Leipziger Wave & Gotik Treffen sind solche Bands schon lange präsent. Allerdings von außen – da so gar nicht ins gängige Neonazi-Bild passend –unbeachtet und von der apolitschen Szene weitgehend toleriert. In den Blickpunkt der breiteren Öffentlichkeit geraten sind sie erst durch die Diskussion um die „rechte Gesinnung“ von Josef Maria Klumb, der mit seiner Band Weissglut mainstreamfähig wurde und beim Major-Label Epic unterkam, bevor er gehen musste. In diesem Jahr ist der – sich jetzt als Märtyrer gebende – Möchtegern-Freigeist, der sich auch für die kruden, antisemitischen Weltverschwörungstheorien eines Jan van Helsing begeistert, wieder dabei: Von Thronstahl heißt sein neuestes Projekt, auf den sich die Aufmerksamkeit nach einer „Spiegel“-Anmerkung richtet. Dass sich eine komplette Veranstaltungsreihe, die „Lichttaufe“, mit ähnlich gesinnten Bands trägt, wussten die Veranstalter bisher geschickt aus dem Disput zu halten. So erscheinen die betroffenen Bands nicht in den Kurzbeschreibungen auf der Homepage des Festivals und im „Offiziellen Vorboten“, der Programmzeitschrift, wird sie – im Gegensatz zu allen anderen Events – nicht näher vorgestellt.

Zu den hinterfragenswerten Acts gehören zum Beispiel Allerseelen. Deren Mastermind Gerhard Petak (alias Kadmon) schwärmt nicht nur für Friedrich Nietzsche, Ernst Jünger und Leni Riefenstahl – sowieso ein Grundkonsens der Szene – sondern bezieht sich explizit auf Karl Maria Wiligut. Der ist ein schillerndes Symbol, war er doch der esoterische Berater Heinrich Himmlers – des SS-Chefs. Oder Death In June: Dieser Name spielt auf die blutige Beseitigung der SA-Spitze im Juni 34 an. Bandleader Douglas Pierce – übrigens bekennender Homosexueller – fühlt sich durch den Besuch der Wewelsburg, vormals die „Ordensburg“ der SS, „spirituell erleuchtet“. Ein weiteres Beispiel: In Gowan Ring ist ein Projekt von Musikern von Blood Axis, der Band um den Amerikaner Michael Moynihan. Der hat Wiligut-Gedichte ins Englische übersetzt, beschäftigt sich eingehend mit der Rassenmystik der SS-Stiftung „Ahnenerbe“ und sieht das Problem der Überbevölkerung als unlösbar an, solange jeder Mensch das Recht auf Leben habe. Derlei kann man im Interview mit dem einschlägig bekannten Dresdner Blut-und-Boden-Fanzine „Sigill“ nachlesen. Auch das mobilisiert seine Leser zum „9. Wave & Gotik Treffen“. Dessen Verlautbarungen sind – nebenbei bemerkt – konsequent eingedeutscht worden. Aus „Fax“ wird so „Fernbild“. Und sogar der „Neofolk“ musste dran glauben. Der heißt in den Anzeigen der Szenezeitschrift „Zillo“ jetzt „Neufolklore“.

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